Nr. 07/2018 vom 15.02.2018

Die gläserne Athletin

Hochleistungssport ohne Doping ist nicht zu haben – dies legen die zahllosen Skandale nahe, die den Betrieb heimsuchen. Dabei wird in keinem gesellschaftlichen Bereich so exzessiv kontrolliert und sanktioniert wie im Sport. Sollte man also Doping einfach erlauben?

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

Spitzensport ist Behindertensport. Das schrieb der deutsche Journalist Hermann L. Gremliza einmal. Das mag zugespitzt formuliert sein, ist aber im Kern nicht falsch: Denn was Marathonläuferinnen, Boxerinnen, Footballspieler oder Radsportler ihren Körpern zumuten, ist niemandem zu empfehlen. Viele Profis sind nach ihrer Karriere behindert, egal ob sie verbotene Wachstumshormone geschluckt haben oder nicht – weil die Gelenke hinüber sind, der Rücken chronisch schmerzt oder der Kopf auf dem Rasen oder im Ring zu vielen Schlägen ausgesetzt war.

So gesehen ist es irritierend, dass die Weltdopingagentur Wada in ihrer Definition fragliche Substanzen nicht nur daran misst, ob sie leistungssteigernd sind und den «Werten des Sports» widersprechen, sondern auch daran, inwieweit sie das leibliche Wohl der AthletInnen gefährden. Gilt dies denn nicht für den Hochleistungssport als solchen? Und was soll das für eine Definition sein, die auf derlei unscharfen Kriterien beruht?

Es sind solche Inkonsistenzen, auf denen die Argumente der GegnerInnen der Dopingprohibition beruhen. Anlässe, die bestehende Praxis infrage zu stellen, gibt es genug – allein schon wegen ihres offenkundigen Scheiterns. So haben kurz vor den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang neue Enthüllungen in Sachen Doping einmal mehr erhebliche Zweifel daran geweckt, ob es bei den Wettkämpfen mit rechten Dingen zugeht; wegen Manipulationen bei den vorangegangenen Winterspielen in Sotschi wurden zudem zahlreiche russische AthletInnen gesperrt, während ihre verbliebenen Landsleute nun unter neutraler Flagge in Südkorea starten müssen.

«Steroide für alle!»

Neu ist an all dem nichts: In den vergangenen Jahrzehnten gab es zahllose Dopingskandale – in praktisch allen Disziplinen. Besonders dramatisch ist die Situation im Radsport, bei dem nicht einmal beinharte Fans noch daran glauben, dass die bei der Tour de France startenden Fahrer wirklich «sauber» sind. Ein nüchterner Blick auf die Realitäten im Spitzensport legt daher nahe, dass dopingfreie Wettkämpfe mittelfristig kaum zu haben sind – all die aufgeregten Appelle der Vergangenheit, die verschärften Sanktionen und neuen Kontrollmechanismen sind schliesslich wirkungslos verpufft. Warum also nicht radikale Schritte wagen und alle leistungssteigernden Mittel einfach freigeben?

Der Chor der KritikerInnen der Dopingprohibition ist allerdings so vielstimmig, dass mitunter kuriose Beweisführungen zu hören sind. Ein vor einigen Jahren im US-Technologiemagazin «Wired» erschienener Artikel etwa verschrieb sich lauthals der Parole «Steroide für alle!»: Moderner Spitzensport basiere demnach wesentlich auf der Sehnsucht des Publikums nach «Übermenschen», die schier Unglaubliches vollbrächten, hiess es dort; da aber das natürliche Reservoir an AusnahmeathletInnen begrenzt sei, müssten Wissenschaft und Technik auch weniger begabten ProtagonistInnen auf die Sprünge helfen. Wer spektakuläre Wettkämpfe sehen möchte, so die Schlussfolgerung, könne nicht gleichzeitig gegen leistungssteigernde Substanzen sein.

Solche Positionen, die Doping nicht nur nicht ablehnen, sondern sogar explizit befürworten, sind indes selten. Es spricht nämlich auch viel gegen eine Dopingfreigabe: Die Vermutung liegt nahe, dass eine Legalisierung die AthletInnen in eine Situation manövrieren würde, in der sie in noch höherem Mass als bereits heute dazu gezwungen wären, auf gefährliche Mittel zurückzugreifen – allein schon, weil nur so Wettbewerbsnachteile gegenüber der dopenden Konkurrenz auszugleichen wären.

Erfolg um jeden Preis

Eine anonyme Befragung von knapp 200 US-SportlerInnen aus dem Jahr 1996, die damals bei den Sommerspielen in Atlanta an den Start gegangen waren, lässt in dieser Hinsicht jedenfalls Übles befürchtet: Mit drei Ausnahmen erklärten alle, dass sie verbotene Stoffe nehmen würden, wenn ausgeschlossen wäre, dass sie aufflögen. Mehr als die Hälfte nähme zudem einen frühen Tod infolge von Nebenwirkungen in Kauf, wäre gleichzeitig garantiert, dass sie dafür alle ihre Wettkämpfe in den folgenden fünf Jahren gewinnen würden. Diese Bereitschaft zur Selbstzerstörung dürfte in den vergangenen Jahren kaum verschwunden sein – was eindeutig gegen eine Freigabe spricht.

Doch nicht allein der Umstand, dass das körperliche Wohlergehen der AthletInnen eins der dem Wada-Code zugrunde liegenden Anliegen ist, wirft Fragen auf; dasselbe gilt auch für das Kriterium der Leistungssteigerung. So verfolgen die Trainings- wie Ernährungsprogramme, mit denen sich AthletInnen martern, allesamt das Ziel, die Potenziale des Körpers zu optimieren. Die Unterscheidung, welche Methode, welches Nahrungsergänzungs- oder Schmerzmittel legal sein soll und welches nicht, mutet daher schlicht willkürlich an.

Dies zeigt etwa das Beispiel Koffein: Der Wirkstoff stand bis 2004 auf der Dopingliste, und es gab SportlerInnen, die wegen zu hoher Koffeinwerte gesperrt wurden. Dann wurde das Verbot aufgehoben: Es waren Zweifel laut geworden, ob Koffein wirklich so leistungssteigernd sei wie zuvor angenommen. Solche Fälle nähren den Verdacht, dass die Verbotsliste mehr oder weniger beliebig zusammengestellt ist. Beispielsweise ist den AthletInnen auch der Cannabiskonsum untersagt.

Die Fantasien der HardlinerInnen

Es ist nun diese Strafpraxis auf streitbarer Grundlage, die die Antidopingpolitik politisch brisant macht. Sperren für ProfisportlerInnen kommen faktisch Berufsverboten gleich, einem rechtsstaatlich betrachtet überaus drastischen Sanktionsmittel. Verblüffend ist daher vor allem, dass Einwände gegen diese Praxis nur wenig Gehör finden. Stattdessen ist der Kampf gegen Doping ein Feld, auf dem HardlinerInnen ihre Fantasien ausleben können: Kaum eine Forderung nach verschärften Repressionen gegen überführte AthletInnen provoziert nennenswerten Widerspruch, geht es doch schliesslich um den «sauberen» Sport.

Dabei ist die Situation heutiger SpitzenathletInnen beklagenswert. «In keinem anderen Bereich unserer Gesellschaft, nicht einmal beim Militär, sind die Kontrollen des privaten und leiblichen Daseins von Personen derart rigoros. Und es geht dabei nicht um Krieg und Frieden, nicht um den Erhalt demokratischer Grundwerte, es geht nicht um die Verteidigung der Freiheit», schreibt etwa der an der TU Berlin lehrende Dopingexperte Christoph Asmuth in einem Aufsatz.

Zu nennen wäre etwa die entwürdigende Praxis, dass SportlerInnen bei der Abgabe von Urinproben den KontrolleurInnen freie Sicht auf ihre Genitalien gewähren müssen. Ausserdem sind sie angehalten, ihren Aufenthaltsort lückenlos zu dokumentieren, auch dann, wenn sie sich nicht im Wettkampf oder Training befinden. Bei Verstössen gegen die Meldepflicht drohen Sperren, unabhängig davon, ob Dopingmittel verwendet wurden oder nicht.

Widerspruch ist selten

Man mag einwenden, dass niemand zum Hochleistungssport gezwungen wird; andererseits müsste es in Demokratien eigentlich selbstverständlich sein, dass man sich für eine Laufbahn als SportlerIn entscheiden kann, ohne deswegen zugleich auf Freiheitsrechte wie den Schutz der Privatsphäre verzichten zu müssen. Trotzdem plädieren auch aktive Profis immer wieder für drakonischere Strafen und mehr Überwachung. Widerspruch gegen schikanöse Praktiken hört man dagegen kaum: Fälle wie der des deutschen Handballers Michael Kraus, der sich vor ein paar Jahren öffentlich darüber beschwerte, in seiner Hochzeitsnacht unerwarteten Besuch von Dopingkontrolleuren bekommen zu haben, sind selten.

Viel wäre jedenfalls schon gewonnen, würde endlich in den Fokus rücken, wie verzerrt die dominierende Perspektive auf das Thema Doping ist. Der deutsche Sportjournalist Martin Krauss brachte die Schieflage der Debatte einmal mittels einer anschaulichen Analogie auf den Punkt: Wer Schönheitswettbewerbe kritisieren wolle, müsste diese Veranstaltungen deswegen aufs Korn nehmen, weil dort Frauen in einer sexistischen Fleischbeschau zu Objekten degradiert würden – und nicht, weil sich die Siegerin des Wettbewerbs möglicherweise durch chirurgische Eingriffe einen Vorteil verschafft habe. Entsprechend dubios ist die Sehnsucht nach möglichst «authentischen» AthletInnen; erst recht, wo dies den Sport wie ein Experimentierfeld für die Frage erscheinen lässt, wie viel Repression Individuen zugemutet werden kann.

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