Nr. 07/2018 vom 15.02.2018

Partybremse auf dem Besen

Von Florian KellerMail an AutorIn

Im Kino gewesen, und zum Finale gabs eine feierliche Bücherverbrennung. Was haben wir da gesehen, einen historischen Film über das Naziregime? Aber nein, es war ein Kinderfilm: «Di chli Häx», von Michael Schaerer überaus liebevoll verfilmt, nach dem gleichnamigen Kinderbuchklassiker von Otfried Preussler.

Und eigentlich ist ja nichts gegen diese kleine Hexe einzuwenden. Sie hilft den Armen gegen die Obrigkeit, sie ist lieb zu den guten Kindern und ein bisschen böse gegen die schlimmen. Und gerade weil sie mit ihren 127 Jahren zu jung ist für die Walpurgisnacht, passieren ihr immer wieder lustige Sachen: Wenn ihr der Regenzauber misslingt, regnet es halt Löffel oder Wäscheklammern. Eine Abweichlerin, die den einschlägigen Hexenkodex auf den Kopf stellt. Grundsympathisch, nicht?

Aber die Moral hat dann doch auch ihre reaktionäre Schlagseite. Zur Walpurgisnacht stürzt sich der Film freudig ins Getümmel, er feiert die Hexen als laute, enthemmte Gemeinschaft von Festschwestern – ein Hutzelrave mit Tanz und Trommeln. Aber dann fliegt als Partybremse diese kleine Hexe daher, mit ihrer Haut wie aus der Nivea-Werbung. Sie zaubert sämtliche Hexenbücher herbei, fabelhaft gestaltete Wälzer, und schickt, wie in Preusslers Buch, das gesammelte okkulte Wissen auf den Scheiterhaufen. Bücher verbrennen? Also, ich weiss nicht, dieses Motiv ist historisch etwas vorbelastet.

Damit nicht genug: Die kleine Hexe hext den alten Hexen auch noch ihre Hexenkünste ab und verwandelt sie allesamt in Kröten. Nieder mit dem Gemeinsinn, die brodelnde Stammeskultur der Hexen ist ausradiert! Und es triumphiert: die kleine Monopolistin.

Um hier wieder mal an die US-Feministin Robin Morgan zu erinnern: «Du bist eine Hexe, wenn du weiblich, zornig, froh und unsterblich bist.»

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