Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

In der Marketingfalle

«Die Welt der Libertären», WOZ Nr. 6/2018

Ein Gespenst geht um in der Kuhschweiz – das Gespenst des Libertarismus. Seitdem es zum guten Ton eines jeden Füdlibürgers gehört, sich zur hochheiligen SRG zu bekennen und den Marktfundamentalismus zu tadeln, spukt es grauslig durch die Qualitäts- und andere Pressen.

Rasch einigte sich das Feuilleton darauf, das vermeintlich Neue, die No-Billag-Clowns, das heisst die jungen Schnösel mit ultraliberaler bis anarchokapitalistischer Ideologie, von nun an «Libertäre» zu nennen. Liber- was? Ein Begriff, der auch manchem Bildungsmenschen nichts sagt, sich also gänzlich eignet für das Andere, das man gefälligst nicht zu wollen hat.

Wenigstens die WOZ bringt hierzu etwas Licht ins Dunkel. Hut ab! Doch auch sie tappt leider in die Marketingfalle der Hardcoreliberalen. Ein bisschen Begriffsgeschichte hätte geholfen. Man hätte etwa zeigen können, dass sich die drolligen Eigentumsfetischisten auch als gewiefte Diebe sehen! Murray Rothbard, der grosse Vorträumer der anarchokapitalistischen «Libertarians», schrieb einst: «Ein erfreulicher Aspekt unseres Aufstiegs zu einer gewissen Bekanntheit ist, dass wir dem Feind ein essenzielles Wort entrissen haben: Libertäre.» Meint der feine Herr also, uns ein Wörtchen geklaut zu haben. Uns AnarchistInnen jedenfalls nicht. Schon 1858 gaben kommunistische AnarchistInnen die französischsprachige Zeitung «Le Libertaire» heraus. Und noch heute schimpft sich das Anarchopack «libertär». In der Linken ist das kein Geheimnis, war es noch nie. Man kennt schliesslich ähnliche Geschichten von Begriffsaneignungen. Etwa die von den Braunen, die sich nationale Sozialisten nannten.

Wer also gegenwärtig von «Libertären» spricht, aber eigentlich etwas extrem geratene Liberale, Sozialdarwinisten und Rassisten meint, spielt deren Spiel. Dabei könnte man auch von einem Terminus Gebrauch machen, der analytisch nicht weniger wertvoll ist: Schweine!

Margarethe Hardegger, per E-Mail

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