Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Die rabiate Republikanerin

Von Brigitte Matern

Frank Wedekind verknallte sich in sie, da war er Ende zwanzig, sie über siebzig. Der Schriftsteller besprach mit ihr seine Manuskripte, liess sich mit Datteln verwöhnen und sie aus ihrem skandalösen Leben erzählen. «Wie schade, dass man ein solches Wesen nicht mehr heiraten kann», soll er einmal gesagt haben, «sie wäre die Richtige für mich.»

Die alte Dame, die damals verarmt in einer Pariser Mansarde wohnte, Zigarren rauchte und fluchen konnte wie ein Pferdekutscher, war 1817 in Berlin geboren. Als Tochter eines reichen Seidenwarenhändlers gehörte sie eigentlich zur Hautevolee; Diplomaten, Gräfinnen, KünstlerInnen gingen bei ihren Eltern ein und aus. Doch sie kam um vor Langeweile inmitten dieser «Speichellecker» und «Windbeutel». Heiratsanträge schlug sie aus. Sie wollte einen Demokraten, der wie sie an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit glaubte, keine dieser «Zwitternaturen, halb liberal, halb royal, diese echten Schmarotzerpflanzen», die heute auf die Freiheit Polens und morgen auf den Zaren anstossen würden. Mit 25 fand sie ihren Traummann, formulierte den Antrag gleich selbst und war binnen acht Tagen verlobt. Ihr Zukünftiger, ein kurz darauf aus Preussen ausgewiesener Dichter, jubelte: «Das Mädchen ist noch rabiater als ich und ein Republikaner von der ersten Sorte.»

Sie folgte ihm ins Schweizer Exil, dann nach Paris, wo sich in ihrem Salon bald russische, deutsche, polnische und italienische Flüchtlinge trafen. Als im Februar 1848 der französische König verjagt wurde und eine Aufstandswelle über Europa hinwegrollte, war sie nicht zu halten: An der Seite ihres Mannes zog sie mit 850 Freiwilligen – der «deutschen demokratischen Legion» – los, um die badische Freiheitsarmee zu unterstützen, und fungierte als Kontaktfrau zu deren Anführer Friedrich Hecker (in dessen Pläne die «Franzosen» allerdings nicht so recht passten). Die Expedition – wie letztlich auch die Revolution – endete im Desaster; dem «verfluchten Weib» samt Gatten gelang nur knapp die Flucht. Dennoch blieb sie ihren Idealen treu. Rastlos organisierte und warb sie – nun von Zürich aus und längst enterbt – für den Unabhängigkeitskampf Garibaldis; sie verhalf auch Felice Orsini, dem späteren Attentäter auf Napoleon III., mit in Buchdeckeln versteckten Feilen zu einem spektakulären Gefängnisausbruch.

Wer war die 1904 in Liestal bestattete Revoluzzerin, die sich in Paris geweigert hatte, mit dem frisch vermählten Ehepaar Karl und Jenny Marx eine WG zu gründen?

Wir fragten nach der deutschen Revolutionärin Emma Herwegh (1817–1904). Ihr Mann war Georg Herwegh. Nachdem den beiden 1843 in Zürich die Aufnahme verweigert worden war, durften sie im aargauischen Baden heiraten (mit Michael Bakunin als Trauzeuge). «Wir freuen uns», vermeldete die Aargauer Behörde, «durch diese Bewilligung den Beweis geben zu können, dass noch nicht alle Kantone der Schweiz der Spiesserei verfallen sind.» Basel verlieh ihnen darauf das Bürgerrecht. Emma Herweghs 1849 verfasste und sofort verbotene «Geschichte der deutschen demokratischen Legion aus Paris» ist in der unzensierten Version nachzulesen bei Horst Brandstätter (Hrsg.), «Emma Herwegh. Im Interesse der Freiheit», Libelle Verlag, Lengwil 1998. Ein soeben erschienener Roman von Dirk Kurbjuweit rollt ihre Geschichte neu auf: «Die Freiheit der Emma Herwegh», Carl Hanser Verlag, München 2017 (siehe WOZ Nr. 7/2018).

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