Nr. 10/2018 vom 08.03.2018

Das Enfant terrible auf dem Rasen

Von Florian Keller

Was qualifiziert jemanden zum Rebellen? Ein Künstler, der einen Zuschauer, der ihn unflätig beschimpft, mit einem Fusstritt niederstreckt: Darf der als Rebell gelten? Und wenn der Künstler ein Sportler ist?

Einer wie er wäre heute gar nicht mehr denkbar unter den Legionen von angepassten Stars, deren widerspenstige Gesten sich auf Tattoos und ausgefallene Frisuren beschränken. Unser hochbegabtes Enfant terrible, so könnte man sagen, hatte das Aufmüpfige schon im Blut: Der Vater war gebürtiger Sarde, die Mutter stammte aus Katalonien und war die Tochter eines Kämpfers gegen Franco. Die Familie wohnte in einem ärmeren Viertel in Marseille, und hier, im Quartierverein, absolvierte er auch seine Juniorenzeit. Sein Ruf als Heisssporn eilte ihm schon früh voraus. Seine ersten Profijahre sind gezeichnet von Disziplinarstrafen und langen Sperren. Die Gründe: ein Faustschlag gegen einen Teamkollegen, eine rüde Attacke auf einen Gegner, den Nationaltrainer beleidigte er vor laufender Kamera als einen «Sack Scheisse». Unser Mann ist 25 Jahre jung, als er, genervt von Bussen und Sperren, erstmals seinen Rücktritt vom Profisport ankündigt. Stattdessen wechselt er nach England, weil ihm, wie er sagt, sein Psychoanalytiker dazu geraten hat.

Dort folgt seine grösste Zeit als Spieler – bis zu jenem Fusstritt nach einer Roten Karte, der ihn weltweit in die Schlagzeilen bringt. Der Verband sperrt ihn für acht Monate, zudem wird er wegen Körperverletzung zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. In zweiter Instanz wird das Urteil in 120 Stunden Sozialarbeit umgewandelt. Und als der Kicker vor die Presse tritt, verewigt er sich mit diesem enigmatischen Satz: «Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie glauben, dass die Sardinen wieder ins Meer geworfen werden.» Der tollwütige Fussballstar als profunder Philosoph? Als er seine Sperre abgesessen hat, spielt er noch zwei Saisons und tritt mit gerade einmal 31 Jahren zurück. Ein Jahr später sieht man ihn im historischen Gewand auf der grossen Leinwand wieder: In einem opulenten Kostümfilm über eine englische Königin tritt er als französischer Botschafter neben Cate Blanchett auf. Seither hat er in etlichen Filmen mitgespielt. Und im Dezember 2010 rief er dazu auf, alle Ersparnisse von den Banken abzuheben, weil er fand, dass es an der Zeit sei, das Finanzsystem zum Einsturz zu bringen.

Wer ist der streitbare Exfussballer, der stets mit hochgestelltem Kragen auflief und später seine grösste Filmrolle für den Doyen des britischen Arbeiterkinos spielte?

Wir fragten nach dem französischen Fussballer Eric Cantona, legendäre Nummer 7 bei Manchester United. In seiner zweiten Karriere als Schauspieler debütierte er im Kostümfilm «Elizabeth» (1998) neben Cate Blanchett. Später reflektiert Cantona selbstironisch seinen Kultstatus, als er in Ken Loachs Film «Looking for Eric» (2009) einem schlingernden Pöstler mit mehr oder weniger tiefsinnigen Sprüchen aus der Lebenskrise hilft.