Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Die honigsüss spottende Zynikerin

Von Brigitte Matern

Sie mochte sie nicht, diese gleichgültigen Ladys der Upperclass, und porträtierte sie in ihren Kurzgeschichten mit spitzer Feder. Als sie noch für «Vanity Fair» und «Vogue» schrieb, hatten die Redaktoren viel zu tun, der zierlichen jungen Frau mit der honigsüssen Stimme die Seitenhiebe aus den Artikeln zu streichen. Auch in eine Bürodisziplin liess sie sich nicht einbinden, kam meist zu spät (wie ihre Artikel) und verbrachte die Arbeitszeit lieber im Hotel Algonquin, im Kreis angehender KünstlerInnen, die nach dem überstandenen Weltkrieg lachen, trinken und berühmt werden wollten (viele wurden es, etliche soffen sich tot). Auch sie hatte Erfolg. Mit ihrer feinen Beobachtungsgabe und schmerzhaft präzisem Spott wurde sie die gefürchtetste Literatur- und Theaterkritikerin New Yorks und eine der bedeutendsten US-SchriftstellerInnen. Und sicher war sie auch eine der unglücklichsten.

1893 in eine wohlhabende New Yorker Familie hineingeboren, hatte sie ihre Mutter bereits mit vier Jahren verloren; der Vater – ein armer Emigrantensohn, der sich zum Fabrikbesitzer hochgearbeitet hatte – starb, als sie zwanzig war. Mit ihren schottischen, deutschen, jüdischen und protestantischen Wurzeln empfand sie sich zeitlebens als «Bastard». Und dann verfolgte sie bei der Gattenwahl auch noch das falsche Beuteschema. Drei Dinge verlange sie von einem Mann, verkündete sie einmal: «Gutes Aussehen, Rücksichtslosigkeit und Dummheit.» Immer wieder verzweifelte sie am Leben und an der Liebe, versank tief im Alkohol. Als überzeugte Kommunistin bewahrte sie sich jedoch die Hoffnung auf eine bessere Welt.

Sie ging auf die Strasse, als 1927 in Boston die italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti zum Tod verurteilt wurden, berichtete aus dem Spanischen Bürgerkrieg (und sammelte Spenden für die hungernden Kinder), gründete in Hollywood die Anti Nazi League mit und eine Gewerkschaft für DrehbuchautorInnen. Als sie in den fünfziger Jahren über ihre «unamerikanischen Umtriebe» Rechenschaft ablegen musste, stellte sich heraus, dass das FBI akribisch Buch geführt hatte: 33 politische Organisationen hatte sie mit Geld (wenn sie welches besass), mit ihrem berühmten Namen oder aktiv im Vorstand unterstützt. 1967 blieb ihr Herz stehen. Die Rechte an ihren Werken hatte sie zuvor Martin Luther King und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung vermacht.

Wer war die Gastprofessorin der California State University, die mit vierzehn von der Schule abgegangen war und einmal sagte: «Wenn du wissen willst, was Gott über Geld denkt, musst du nur die anschauen, denen er es gibt»?

Wir fragten nach der US-amerikanischen Schriftstellerin und Drehbuchautorin Dorothy Parker (1893–1967). Sie schrieb unter anderem für das «Life»-Magazin, das «Esquire» und den «New Yorker». Am sogenannten Algonquin Round Table trafen sich spätere Stars der US-amerikanischen Film- und Literaturwelt wie F. Scott Fitzgerald, Edna Ferber und Harpo Marx. Während der schrillen Antikommunismuskampagne der fünfziger Jahre erhielt Parker in Hollywood keine Drehbuchaufträge mehr. «Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber», ein Parker-Zitat, lautet der Titel der Parker-Biografie von Michaela Karl (Residenz Verlag 2011). Eine Auswahl von Parkers «New Yorker Geschichten» erschien 2012 unter dem Titel «Das Butterkremherz» bei Kein & Aber, Zürich.

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