Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Federspiel reiht sich ein

Von Kaspar Surber

Maurus Federspiel ist kein erfolgreicher Autor. Zumindest ist er so unbekannt, dass der «Tages-Anzeiger» bei der Publikation seines Essays angeben musste, dass er der Sohn des Schriftstellers Jürg Federspiel ist. Es ist ja immer ein bisschen peinlich, wenn sich erwachsene Menschen über ihre Familie definieren müssen. In einem Brief an Bundesrätin Simonetta Sommaruga formuliert Federspiel seine Sorgen: dass er in seinem Quartier mehrheitlich ausländische Sprachen höre. Die Landschaft werde wegen der Migration zu einem «urbanen Moloch». Federspiel klagt, dass die Bevölkerung «durchwirkt» sei von «Angehörigen anderer Kulturkreise». Nur mehr «grosse politische Figuren» könnten eine «schöpferische Wende» einleiten.

Wie Quellen aus dem «Tages-Anzeiger» berichten, war die Publikation des Briefes nicht einem Hitzestau geschuldet, der zu einem Blackout geführt hatte. Der Beitrag sei vielmehr von mehreren Chefs abgesegnet worden. Mit eilig publizierten Repliken übte man sich zwar in Schadenbegrenzung: Federspiels Meinung wurden Fakten zur Migration entgegenhalten. Sein Pessimismus wurde als Empfindung bezeichnet, die ausserhalb des Kompetenzbereichs der Politik liege.

Doch genau hier liegt das eigentliche Problem. Es wird getan, als sei der Essay lediglich von einer verunsicherten Psyche geschrieben, als würde er in einem vorpolitischen Raum spielen. Das Gegenteil ist der Fall: Vor dem «urbanen Moloch» warnten schon die Rassenhygieniker zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Herabsetzung von Kulturen statt wie früher von Rassen ist nur die letzte Wendung des Diskurses. Das naive «Man wird doch wohl noch fragen dürfen», wie es auch Federspiel anwendet, war schon immer das rhetorische Stilmittel, um das Unsagbare sagbar zu machen.

Rassismus ist nicht etwas, was aus der Tiefe der Bevölkerung entsteht. Rassismus ist ein politisches Erklärungsangebot mit einer langen Geschichte, auch in der Schweiz. Federspiel reiht sich ein.

Den noch immer besten Rat in solchen Fällen wissen The Specials in ihrem Song «Racist Friend».

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