Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Drogenrausch im öffentlichen Raum

Von Florian KellerMail an AutorIn

Wozu noch im Internet surfen? Wozu den Zauber der Natur suchen? Wozu noch ans Meer fahren, stundenlang in die Brandung schauen, wie sie vor sich hin brandet, im ewigen Gehen und Vergehen? Oder wozu meditieren, und überhaupt: Wozu eigentlich Drogen nehmen?

Wozu das, wo wir doch alles auf einmal haben könnten? Das Schlüsselwort heisst: Kunst am Bau.

Bei Tageslicht ist es einfach eine sauber gezogene Reihe aus weissen Kuben, und man muss schon genauer hinschauen, um zu merken: Das sind Buchstaben da oben, das ist ein Schriftzug. Aber wenn die Dämmerung einsetzt, fängt der Zauber an. Dann fangen sie an zu leuchten, diese kubischen Buchstaben, sie schillern in allen möglichen Farben, wobei sich die Farben laufend wandeln, scheinbar ohne Regeln, nur dann und wann sammeln sie sich und ordnen sich so an, dass der Schriftzug für eine Weile deutlich lesbar in die Nacht glüht und anzeigt, wo wir sind: LOCHERGUT.

Man könnte meinen, diese Leuchtschrift sei schon immer da gewesen, so nahtlos fügen sich die typisierten Buchstaben des deutschen Künstlers Olaf Nicolai ins Baubild ein. Dabei stammt der Komplex von 1966, die typografische Erleuchtung kam erst mit der baulichen Erweiterung vierzig Jahre später hinzu. Doch Nicolais Schriftzug bildet nicht nur das gestalterische Scharnier zwischen der neuen Front und dem alten Wohnkomplex – sobald er leuchtet, ist er eine optische Droge. Macht süchtig, macht glücklich. Auf die Dämmerung warten und dann stundenlang diesem bewusstseinserweiternden Farbenspiel zuschauen, eintauchen in seine ewige Metamorphose und dabei alles rundherum vergessen.

Ein Glück, dass die Behörden immer noch nichts von der halluzinogenen Wirkung dieser Installation wissen. Sie müssten sonst, um die Sicherheit vor Ort zu gewährleisten, die Kreuzung schleunigst für den Verkehr sperren. Wobei, gar keine schlechte Idee, eigentlich.

Und wer Sand lieber mag als Leuchtschriften: Die Lokremise des Kunstmuseums St. Gallen zeigt bis 7. November eine begehbare Installation von Olaf Nicolai.

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