Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Die bewegte Künstlerin

Von Daniela JanserMail an AutorIn

In dem Jahr, als sie geboren wurde, starb ihr Vater als Wehrmachtssoldat an der Front in Afrika. Sie wuchs in einem bürgerlichen Haushalt auf, die Mutter machte es möglich, dass alle drei Töchter studieren konnten. Auf die Klosterschule ging sie nicht ungern, wie sie stets betonte, man habe dort lernen können, sogar strenge Regeln zu brechen.

Weil sie sich sowohl von ihrem Vater als auch von ihrem ersten Ehemann lossagen wollte, erfand sie einen pointierten Künstlerinnennamen – und zog nach Wien, wo sie in einschlägigen Bars bald die jungen Wilden des Wiener Aktionismus kennenlernte. Als junge Künstlerin hatte sie es doppelt schwer: Nicht nur gegen die verstockte Gesellschaft des Kalten Kriegs, die ihren Feminismus als Kommunismus brandmarkte, musste sie sich behaupten, sondern auch gegen die Machostrukturen der Künstlercliquen. Oder wie es ihre Freundin, die US-Performancekünstlerin Carolee Schneemann, auf den Punkt brachte: Die Künstlermänner dachten oft, es sei für den weiblichen «Nachwuchs» bereits das höchste der Gefühle, mit ihnen abhängen zu dürfen. Als Anfang der siebziger Jahre ein «Pornografie»-Prozess gegen die von uns Gesuchte angestrengt wurde, entzog man ihr zwischenzeitlich sogar das Sorgerecht für ihre Tochter. Sie selbst kommentierte trocken: «Die Gesellschaft muss ertragen, was ich mache.»

In ihrer Kunst benutzte sie oft den eigenen Körper als Skulptur, als Medium, aber auch als Waffe. Darüber hinaus erweiterte sie die Grenzen anderer Medien, etwa die des Kinos. Würde man hier ihre bekanntesten Arbeiten aufzählen, wäre das Rätsel rasch gelöst. Seit den nuller Jahren gibt es nun plötzlich mehr Aufmerksamkeit für Künstlerinnen wie sie, die zum Teil seit über fünfzig Jahren beharrlich, aber zumeist brotlos ihre Projekte verfolgen. Oder wie es die spät Geehrte selbst lakonisch bilanziert: «Nach langer Zeit habe ich jetzt das Heu eingefahren.»

Wer ist die Künstlerin, über deren Arbeiten Elfriede Jelinek sagte: «Eigentlich gehörte dieses Werk, wie überhaupt die Werke von Frauen, die nicht mit Schmutzentfernung, Pflege oder Reproduktion zu tun haben, in eine Art Untergrund, eben diesen klandestinen Strom, der sich, träge meist, unter der herkömmlichen Geschichtsschreibung dahinwälzt …»?

Wir suchten nach der österreichischen Künstlerin Valie Export, die 1940 als Waltraud Lehner in der österreichischen Stadt Linz geboren wurde. Zu ihren bekanntesten Werken gehören die «Aktionshose Genitalpanik» von 1968, eine Jeanshose mit einem klaffenden Loch im Schritt, durch das ihr Geschlechtsteil zu sehen war, aber auch das «Tapp- und Tastkino», ein tragbarer Pappschachtelfernseher, durch den man Valie Exports Brüste berühren konnte. In «Aus der Mappe der Hundigkeit» führte sie ihren damaligen Freund, den Künstler Peter Weibel, an einer Hundeleine durch die Strassen Wiens.

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