Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Rebel Girl

Sie war neun, als ihre Mutter sie erstmals an eine Demo mitnahm. An diesem Tag in einer grossen Gruppe von energisch rufenden, demonstrierenden Frauen zu stehen, habe sie beeindruckt: «Ich hatte das Gefühl, nie wieder etwas anderes machen zu wollen.»

Nach der Schulzeit in Portland studierte sie Fotografie in Olympia im US-Bundesstaat Washington. Um sich das Studium zu finanzieren, arbeitete sie nebenbei als Stripperin oder bei McDonald’s. Ihre erste Fotoausstellung zu feministischen Themen wurde noch vor der Eröffnung von der Schulleitung abgebrochen. Das war der Beginn ihres Aktivismus – mit FreundInnen eröffnete sie eine Kunstgalerie, in der auch viele Konzerte gespielt wurden.

Olympia war damals Zentrum einer brodelnden Subkultur zwischen Indie und Punk, die bald um ein weiteres wichtiges Element ergänzt werden sollte: Frustriert vom Machogetue in der Punkszene, gründete die junge Sängerin und Gitarristin mit drei Freundinnen 1990 ihre eigene Band. Sie sang und schrie über Feminismus, Gewalt und sexuelle Selbstbestimmung – kurze, wütende und manchmal auch zärtliche Songs zwischen Wut und Lust waren das, von «Suck My Left One» bis «I Like Fucking». Mit ihrem Do-it-yourself-Ethos wollte die Band, die auch ein Fanzine publizierte, andere Frauen inspirieren: Wenn wir es können, könnt ihr das ebenso.

An ihren Konzerten rief die Sängerin die Frauen im Publikum nach vorn, die Männer schickte sie nach hinten – worauf diese sie zum Teil beschimpften und auch körperlich angriffen. Es sei manchmal sehr hart gewesen, Teil dieser Band zu sein, sagte sie später: Zwar hätten sie und die anderen Musikerinnen viele inspiriert, aber sie seien auch extrem verhasst gewesen. Trotzdem scheute sie sich nicht, für ihre Ziele und sich selbst einzustehen: Dass sie mit fünfzehn abgetrieben habe, sei eine der besten Entscheidungen ihres Lebens gewesen, weshalb sie noch heute für die Pro-Choice-Bewegung aktiv ist.

Nach der Auflösung ihrer Kultband 1997 machte die Gesuchte weiter Musik und tut dies bis heute. So richtig berühmt wurde sie nie, auch weil sie sich jahrelang weigerte, mit grösseren Medien zu sprechen. Doch dafür, wie sie Punk mit feministischen Positionen verband und die männerdominierten Szenestrukturen aufbrach, gilt sie vielen als Ikone und Pionierin – sowohl unter FeministInnen als auch in der Musikszene.

Wer ist die Musikerin und Aktivistin, die einst Kurt Cobain zu seinem Nirvana-Hit inspirierte, indem sie «Kurt smells like teen spirit» an seine Zimmerwand malte? Alice Galizia

Wir fragten nach Kathleen Hanna, Sängerin von Bikini Kill, heute von Le Tigre und Julie Ruin. Wer mehr über die Wegbereiterin der Riot-Grrrl-Bewegung wissen möchte, der oder dem sei der Dokumentarfilm «The Punk Singer» (2013) von Sini Anderson ans Herz gelegt.

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