Nr. 48/2018 vom 29.11.2018

Die Diagnose

Von Karin Hoffsten

Endlich ist der Sonntag rum, und ich kann mich wieder Alltäglichem widmen. Zum Beispiel den Smileys, deren Gebrauch ich jahrelang widerstand. Egal wie viele grinsende Mondgesichter mir zugeschickt wurden, ich übersah sie diskret – sie waren mir peinlich. Ich selbst bemühte mich in elektronischen Botschaften um ausreichend subtile Formulierungen, um Ironie oder Heiterkeit smileyfrei erkennbar zu machen.

Doch plötzlich garnierten auch Menschen, denen ich es niemals zugetraut hätte, ihre Messages nicht nur mit grinsenden oder grün kotzenden Mondgesichtern und Herzchen, sondern auch mit Miniaturen von so ziemlich allem, was es auf der Welt gibt – den Emojis. Und so kam der Tag, an dem ich kippte und die Dämme brachen – kaum eine Message ohne Bildchen verliess mehr mein Handy. Bis mir auf Twitter der Gedankenaustausch zweier Unbekannter begegnete.

A: «Ich frage mich, woher dieser massenhafte Emojigebrauch kommt. Sieht man vor allem ja bei Verschwörungstheoretikern oder in der unteren Intelligenzschicht der Rechten. (Wobei das ja oft zusammengeht.)» – B: «Boah, Leute, ernsthaft? Ist jetzt der Gebrauch von Emojis ein Hinweis auf Rechtsradikalismus?» – A: «Nein, ist es nicht. Ich sage nur, dass es ein Phänomen ist, welches da relativ oft auftritt. Ich tippe aber eher auf tiefere Intelligenz.»

Damit muss ich jetzt leben.

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