Nr. 48/2018 vom 29.11.2018

Der hellsichtige Revolutionsdramatiker

Von Brigitte Matern

Gerade noch hatte er in Grenoble studiert und die Sonne der Provence genossen, da brach der Krieg aus. Und so stand der Sohn eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns am 31. Juli 1914 auf dem Genfer Bahnhof und sang mit anderen deutschen Frankreichflüchtigen «Deutschland, Deutschland über alles». Dass er das Vaterland verteidigen würde, stand ausser Frage, obwohl seine Gesundheit es eigentlich nicht zuliess. Einen Kriegsmutwilligen nannte ihn der Kompaniechef. «Ein Idiot mehr», meinte der Feldkoch. Dreizehn Monate kämpfte er an der Front, sah, wie Menschen auf dem Schlachtfeld verreckten und Granaten unzählige Gefallene aus ihren notdürftigen Gräbern katapultierten. Dann streikten die Nerven, das Herz und der Magen. Nie wieder würde er ein Gewehr in die Hand nehmen! Er irrte.

1893 im preussisch okkupierten Polen geboren und 1917 dienstuntauglich aus dem Militär entlassen, nahm der gewandelte Unteroffizier sein Literatur- und Jurastudium wieder auf. Doch die Ereignisse im kriegsmüden Deutschland rissen ihn mit. «Es hat keinen Sinn, dass ihr anklagt», rief er in einer fruchtlosen Debattierversammlung, «heute gibt es nur einen Weg, wir müssen Rebellen werden!» Und wurde von Stund an überwacht.

Als 1918 die Münchner MunitionsarbeiterInnen streikten, kam er das erste Mal in Haft. Er galt als einer der Anführer. Doch das Gefängnis wurde zur Kaderschmiede: Er las Marx, Luxemburg, Bakunin, wurde Sozialist. Wieder auf freiem Fuss, übertrug man dem wortgewaltigen Pazifisten die Nachfolge des gerade ermordeten Kurt Eisner in der Leitung der bayerischen USPD und wählte ihn zum Vorsitzenden des Zentralrats der bayerischen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte. Und dann griff er, unter Gewissensqualen und bereits vom Scheitern der Revolution überzeugt, doch wieder zur Waffe, als wenige Wochen später die sozialdemokratische Regierung in Berlin die Münchner Räterepublik niederschiessen liess.

Fünf Jahre sass der «Hochverräter» darauf im Gefängnis und schrieb dort erfolgreiche Theaterstücke. Danach wurde er aus Bayern ausgewiesen, 1933 ganz ausgebürgert. Seine Bemühungen, vom Exil aus die Hungernden im Spanischen Bürgerkrieg zu unterstützen und eine Front gegen den Nationalsozialismus aufzubauen, waren vergeblich. Am 22. Mai 1939 nahm er sich in New York das Leben.

Wer war der hellsichtige Faschismuswarner, der resigniert über die Wandlungsfähigkeit seiner ZeitgenossInnen urteilte: «Der Mensch wird, was er ist»?

Wir fragten wir nach dem deutschen Revolutionär und Dramatiker Ernst Toller (1893–1939). Er schrieb viel beachtete Theaterstücke wie das Antikriegsdrama «Masse Mensch», «Hoppla, wir leben!» über die verratene Novemberrevolution und «Hinkemann», das im Theater Tumulte und in Wien eine Strassenschlacht auslöste. Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) war die gegen den Krieg agitierende, revolutionsbereite Abspaltung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

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