Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Geheimnisse brennen sich ein

Von Barbara Schweizerhof

Man könnte «Burning» als simples «murder mystery» beschreiben: Ein schüchterner junger Mann aus der Provinz träumt davon, es in Seoul zum Schriftsteller zu bringen. Sein Thema hat er noch nicht gefunden. Dann trifft er eines Tages eine alte Schulfreundin wieder. Angezogen von ihrem quirligen Charme, lässt er sich einspannen, ihre Katze zu füttern, solange sie auf Reisen ist. Als sie zurückkehrt, hat sie einen wohlhabenden Freund an ihrer Seite. Und dann ist sie plötzlich verschwunden.

Der Akzent liegt auf «mystery»: Regisseur Lee Chang-dong durchzieht seinen Film von Beginn an mit der Ahnung, dass hier etwas nicht stimmt. Nur dass man nie den Finger darauflegen kann. Ist Hae-mi (Jun Jong-seo) tatsächlich die alte Schulfreundin von Jong-su (Yoo Ah-in)? Warum erinnert er sich nicht an die Erlebnisse, von denen sie erzählt? Gibt es die Katze überhaupt, die er füttern soll, ohne dass er sie je zu Gesicht bekommt? Und was hat es mit ihrem Ferienflirt Ben (Steven Yeun) auf sich? Jong-so wird nicht schlau aus diesem Mann, der scheinbar frei ist von Skrupeln oder Komplexen. Könnte er ein Serienkiller sein?

Lee Chang-dong hat hier eine Kurzgeschichte von Haruki Murakami mit äusserst konkret-realistischen Details nach Südkorea übertragen: Jong-sus Vater ist ein typischer Modernisierungsverlierer, sein Heimatdorf liegt so nah an der Grenze zu Nordkorea, dass man die Lautsprecherpropaganda von dort hört. Im schwelenden Konflikt zwischen Ben und Jong-su spiegeln sich konkurrierende Männlichkeitsbilder und spätkapitalistische Ungleichheit. Nicht, dass etwas davon verbalisiert würde: Lee lässt Gesten, Körperhaltungen und die Interieurs sprechen – eng und vollgestopft bei Jong-su und Hae-mi, glatt und geräumig bei Ben.

Der mäandernde Erzählfluss verleiht dem Film etwas zutiefst Literarisches. Aber sein Ereignis ist Steven Yeun. Bei uns bekannt aus «Walking Dead», entfaltet er in seinem ersten koreanischen Film eine hypnotisierende Ausstrahlung zwischen elastischer Lässigkeit und erratischem Verhalten.

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