Nr. 13/2015 vom 26.03.2015

Einfach nur so, wie es ist

Der aus Nordkorea geflohene Journalist Ju Seong Ha berichtet kritisch und differenziert über sein Heimatland – anders als die im Westen bekannten «Nordkoreaflüchtling-Stars», deren Geschichten nicht immer der Wahrheit entsprechen.

Von Ok-Hee Jeong

Nordkorea ist das isolierteste Land der Welt, und somit gibt es auch kaum gesicherte Informationen darüber. In den Medien kursieren Berichte zu einer Cyberarmee, in der 6000 SpezialistInnen Hackerangriffe lancieren sollen; es gibt Artikel zu den grausamen Hinrichtungsmethoden, etwa, dass der Herrscher Kim Jong Un seinen Onkel Chang Song Taek 120 Hunden vorgeworfen habe. Je bizarrer die Geschichten, desto mehr beflügeln sie die Fantasien über ein Land, über das wir so wenig wissen.

Um Informationen aus dem ostasiatischen Staat zu erhalten, sind die Aussagen von nordkoreanischen Flüchtlingen entscheidend. Eine grosse Rolle in den westlichen Medien spielen der 32-jährige Shin Dong Hyuk und die 21-jährige Park Yeon Mi. Sie sind zu den bekanntesten Zeugen der Menschenrechtssituation in Nordkorea geworden.

Ungereimtheiten und Revisionen

Shin Dong Hyuks Buch «Flucht aus Lager 14» über seine Kindheit und Jugend im Hochsicherheitslager Nummer 14 für politische Gefangene wurde in 27 Sprachen übersetzt und fand Millionen von LeserInnen. Darin erzählt er horrende Geschichten von Folter und Misshandlung. Shin war unter anderem Kronzeuge einer Untersuchungskommission der Uno, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit des nordkoreanischen Regimes dokumentierte.

Park Yeon Mi wurde vom britischen Sender BBC als eine der wichtigsten «100 Frauen von 2014» auserwählt; eine Autobiografie und ein Dokumentarfilm sind bereits in Planung. Letzten Oktober rührte Park, die mit dreizehn Jahren aus Nordkorea flüchtete, die Weltöffentlichkeit mit ihrer Rede an einer grossen Konferenz für «young leaders»: «Mein Vater starb in China, nachdem wir aus Nordkorea hatten fliehen können», sagte sie in Dublin. «Ich musste ihn heimlich um drei Uhr morgens begraben. Ich war 14 Jahre alt.»

Doch vergleicht man Parks Interviews der vergangenen Jahre, offenbaren sich viele Ungereimtheiten: Mal hat sie die Leiche ihres Vaters alleine zum Berg getragen und ihn selbst begraben. Mal erzählt sie, sie und ihre Mutter hätten den Vater im Krematorium eingeäschert und die Asche auf einem Berg verteilt. In einer südkoreanischen Fernsehshow mit nordkoreanischen Flüchtlingen konnte Park nicht glauben, dass ihre Landsleute wegen Hunger Gras gegessen haben. Neuerdings behauptet sie jedoch selbst, dass sie und ihre Schwester – als ihre Eltern inhaftiert waren – sich unter anderem von Gras ernährt hätten, um zu überleben.

Shin Dong Hyuk wiederum revidierte im Januar wichtige Aussagen seines Buchs, nachdem sein Vater in einem Videoclip der nordkoreanischen Onlinenachrichtenagentur aufgetaucht war. Shin hatte in seinem Buch behauptet, sein Vater sei tot. Zudem gab er zu, gar nicht Insasse des Lagers Nummer 14, sondern des Lagers Nummer 18 gewesen zu sein und die Folter als Zwanzigjähriger und nicht als Dreizehnjähriger erlebt zu haben.

«Mir war nicht bewusst, dass diese Abänderungen von Details wichtig sind. Ich bitte um Vergebung», wird Shin von dem Journalisten Blaine Harden, der seine Geschichte niedergeschrieben hatte, zitiert. Harden rechtfertigt in seinem Blog die Ungenauigkeiten damit, dass die Erinnerungen von Traumaopfern oft fragmentiert seien.

Die auflagenstarke südkoreanische Tageszeitung «Jungang Ilbo» hat hingegen eine andere Erklärung: «Shin musste seine Aussagen ändern. Denn Ende Oktober zeigten nordkoreanische Medien seinen Vater, der ein Foto des sechsjährigen Shin veröffentlichte. Er trägt darauf eine Kleidung, die zu Kim Il Sungs Geburtstag verteilt worden war – solche Verteilungen sind allerdings im Lager 14 ausgeschlossen.»

Die entscheidende Lagernummer

Für Ju Seong Ha, Journalist, Autor und Blogger in Südkorea, kommt Shin Dong Hyuks Beichte nicht überraschend. Er ist ebenfalls ein nordkoreanischer Flüchtling und einer der bekanntesten NordkoreanerInnen in Südkorea. Ju schreibt in seinem Blog nambukstory.com: «Shin benutzt die Bezeichnung ‹Missverständnis› und hat einige Inhalte revidiert, aber in meinen Augen überschreiten seine Aussagen die Dimension von Missverständnissen.»

Für die westlichen Medien mag die Nummer des Arbeitslagers kein gravierendes Detail sein, aber für Ju Seong Ha und die anderen nordkoreanischen Flüchtlinge ist die falsche Lagernummer ein entscheidender Unterschied, der verschiedene Lügen offenlegen könnte. Gestützt auf die Aussagen mehrerer nordkoreanischer Flüchtlinge, die Insassen des Lagers Nummer 18 gewesen sind, gibt Ju in seinem Blog detaillierte Informationen über dieses Arbeitslager. Es sei um 1958 in der Nähe von Bukchang gebaut worden und zuerst ein Arbeitslager für politische Gefangene und Kriegsgefangene gewesen, später Arbeitslager für Kriminelle und «Menschen mit niedrigem Gesellschaftsstatus». Ab 1980 erhielten die Gefangenen mit geringfügiger Straftat den Status «haejaemin» (Befreite). Sie durften wegziehen, aber die meisten seien dort geblieben, weil andere Bezirke sie nicht aufnehmen wollten. Ju vermutet, Shin Dong Hyuks Familie habe wohl 1984 den Haejaemin-Status erlangt.

Ju Seong Ha kritisiert in seinem Blog: «Sensationsheischende Falschaussagen über die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea sind ein Verbrechen, da sie auch ehrliche Flüchtlinge in Generalverdacht bringen.» Darüber hinaus zeigt Shins Fall auf, wie unkritisch die westlichen Medien mit Aussagen nordkoreanischer Flüchtlinge über spektaktuläre Grausamkeiten umgehen. Und es stellt sich die Frage nach der Rolle mancher südkoreanischer und internationaler NGOs, die dank solcher Flüchtlinge Legitimation, Medienaufmerksamkeit und Spendengelder erlangen. Durch dieses Zusammenspiel werden erst die «Nordkoreaflüchtling-Stars» geschaffen – so bezeichnete unlängst eine südkoreanische Zeitung Shin Dong Hyuk.

Ju Seong Ha sagt gegenüber der WOZ: «Die Gründe, warum ein nordkoreanischer Flüchtling in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen lügt, sind sicherlich komplex. Zum Beispiel kann die Verachtung gegenüber dem nordkoreanischen Regime eine Rolle spielen oder das Geld, das man durch die Popularität verdienen kann. Man bekommt ja keine Nachteile durch die Lügen. Shin zum Beispiel hat sehr viel Geld verdient. Und auch wenn er gelogen hat, muss er das Geld nicht zurückgeben.»

Auch Park Yeon Mi könnte mit ihren Ungereimtheiten schadlos davonkommen. «Tatsache ist: Sie wurde bereits von der Columbia University als Vollstipendiatin aufgenommen», sagt Ju. «Für sie hat sich dank ihrer Aussagen dieser für die nordkoreanischen Flüchtlinge sonst unerreichbare Traum von einer Ivy-League-Universität mit Leichtigkeit erfüllt.»

Ein differenziertes Bild

In Südkorea weiss man schon lange, dass die Geschichten mancher Nordkoreaflüchtlinge arg ausgeschmückt sind. Trotzdem ist es dort ein zweischneidiges Unterfangen, solche Aussagen anzuzweifeln. Gemäss Ju Seong Ha wird man in Südkorea, einem Land mit antikommunistischer Staatsdoktrin, schnell als Nordkoreasympathisant abgestempelt, wenn man Zweifel an Aussagen zu Nordkoreas Menschenrechtssituation äussert. Ju hatte von Anfang an den Verdacht, dass Shin lügt. Dennoch habe er es vorgezogen, sich nicht dazu zu äussern: «Denn sonst hätte es sofort geheissen, Ju Seong Ha ist ein nordkoreanischer Spion. Als Journalist aus Nordkorea muss ich extrem vorsichtig sein.»

Ju Seong Ha, der seit 2002 in Südkorea lebt, ist wohl derjenige Journalist, der bisher die meisten nordkoreanischen Flüchtlinge interviewt hat. Seinen Blog lesen mittlerweile täglich Tausende. Er behandelt politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen Nordkoreas. Zudem beinhaltet sein Blog «Briefe nach Norden», die speziell an die NordkoreanerInnen gerichtet sind und über Radio Free Asia an das Zielpublikum gesendet werden: NordkoreanerInnen in China und Nordkorea. Sie hören den Sender heimlich.

Jus Blog zeichnet ein differenziertes Bild von Nordkorea. Es gibt etwa Geschichten über den dortigen Handyboom, über Korruption in der nordkoreanischen Armee oder über die reiche Oberklasse. Daneben sind auch leichtere Themen zu lesen. Etwa, wie ein Nordkoreaner zu viel Geld gekommen war, indem er die Windeln, die durch eine internationale Hilfslieferung nach Nordkorea gekommen waren, weiterverkauft hatte – und wie die pfiffigen Käufer die Windeln wiederum zu Damenbinden weiterverarbeitet haben.

Ju Seong Ha benennt durch seine Flüchtlingsinterviews und kritischen Artikel die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea deutlich. Es sind Dokumentationen über allgemeine Überwachung und Erniedrigung, Mangel und Hunger, über die Erfahrung der extrem gefährlichen Flucht nach China. Ju kritisiert die gängige Medienlogik: «Die wahren Geschichten der gewöhnlichen nordkoreanischen Flüchtlinge sind zwar deprimierend, aber sie sind nicht dramatisch genug, um die Erwartungen der Masse zufriedenzustellen.»

Schwierige Situation in Südkorea

Gleichzeitig beschreibt Ju Südkorea aus dem Blickwinkel der NordkoreanerInnen. Es geht ihm darum, seinen Landsleuten deutlich zu machen, wie sie in Nordkorea unterdrückt werden, ihnen aber auch die Illusion vom glitzernden Leben in Südkorea zu nehmen – um sie darauf vorzubereiten, was sie in Südkorea erwartet, falls sie flüchten wollen.

Denn in Südkorea sind die nordkoreanischen Flüchtlinge wirtschaftlich äusserst schlecht gestellt. Bei ihrer Ankunft bekommen sie zwar vom südkoreanischen Staat ein Startkapital in Höhe von umgerechnet 6500 US-Dollar; das aber landet meist sofort bei den Schleppern, mit deren Hilfe die Flüchtlinge nach Südkorea gekommen sind. Denn das zu erwartende Startkapital ist oft gleichsam das Pfand für die Fluchthilfe. Ohne dieses Geld stehen die NordkoreanerInnen mittellos da. Sie sind vergleichsweise schlecht ausgebildet, sodass für viele nur unterbezahlte körperliche Arbeit übrig bleibt und sie auf die Hilfe von NGOs und Kirchen angewiesen sind.

Letztlich träumt Ju Seong Ha davon, dass eines Tages Kim Jong Uns Regime zusammenbricht. Denn dann möchte er wieder zurück in die Heimat und dabei mithelfen, dass Nordkorea sich entwickelt und zu einem demokratischen Land wird. Was er sich bis dahin für die Berichterstattung über sein Heimatland wünscht? Dass so berichtet wird, wie es ist, ohne Übertreibungen und Lügen.

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