Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Halt mal die Fresse!

Von David Hunziker

Passenderweise stillschweigend hat der Streamingdienst Spotify ein neues Feature installiert. Damit können bestimmte KünstlerInnen aus sämtlichen Playlists, Radios und aus der eigenen Bibliothek entfernt werden, als hätte es diese für einen selber nie gegeben. Die digitale Auslöschung liegt ja sowieso im Trend, man denke etwa an den mutmasslichen Belästiger Kevin Spacey, der aus einem fertig gedrehten Film entfernt wurde. Oder die Blockierfunktion auf Plattformen wie Facebook, um StalkerInnen oder zerstörerische LiebespartnerInnen aus dem digitalen Sichtfeld zu verbannen. Vielleicht ist das die Kulturtechnik der Stunde: das Muting, das Stummschalten.

Eigentlich ist das aber nur ein dringend nötiger Gegentrend zum Positivitätsfetisch des Internets. Denn Muting ist so etwas wie das ontologisch notwendige Gegenstück zum Like. Es reicht nicht, wenn die Dinge im digitalen Raum nur durch Liebesbekundungen und Präferenz geordnet und selektioniert werden können – ohne Unsichtbarmachung, Stummschaltung und Blockierung geht es nun wirklich nicht. Sonst versinkt alles in unkenntlichem Rauschen, oder irgendwann bricht unter den aufgetürmten Schichten von immer noch Beliebterem der Server zusammen.

Doch aufgepasst: Wenn es von oben kommt, steht Muting unter Zensurverdacht. Früher hat Spotify diese Arbeit ja noch selber erledigt. So hat es etwa die Musik der Frauenschläger XXXTentacion und R. Kelly von seiner Plattform verbannt – den Schritt auf Druck von Fans hin aber wieder rückgängig gemacht. Die Zensur ist gegen die UserInnen also schwer durchzusetzen, hat Spotify sich wohl gedacht: Lassen wir das Internet das doch selber regeln – «user generated censorship» –, und sammeln wir ein paar neuartige Daten.

Was wir brauchen, ist Muting von unten: Stummschalten als Bewegung! Bei R. Kelly hat das bisher leider erschreckend schlecht funktioniert. Schliessen Sie sich jetzt dem Kampf an unter #MuteRKelly!

Und an Spotify: Was sind das eigentlich für Leute, die sich Playlists von euch wie «2000s XL» oder «Christmas R&B» ohne den stillgestellten R. Kelly reinziehen?

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch