Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

War da mal was?

Ruth Wysseier auf atomaren Recherchen

Von Ruth Wysseier

2019 ist der Anfang vom Ende der AKW-Ära in der Schweiz – wenn Mühleberg im Dezember den Stecker zieht, soll es ein grosses Fest geben.

Den Jahreswechsel verbrachte ich bei FreundInnen im Erzgebirge, in einem verschneiten Weiler bei Johanngeorgenstadt. Dort hatten die Sowjets ab 1946 in der Wismutzeche ihr erstes Uranerz abgebaut. 1949, vier Jahre nach Hiroshima, zündete die UdSSR ihre erste Atombombe – hergestellt mit Uran aus dem Erzgebirge. Bis zu 130 000 Beschäftigte arbeiteten dort im Dreischichtbetrieb. Die Sowjets bauten Baracken, planten eine sozialistische Modellstadt und rissen Teile der Altstadt ab. Es gab kaum Strahlenschutz, die Bergleute starben jung, dafür waren die Löhne enorm hoch, und der Schnaps, sie nannten ihn Kumpeltod, floss in Strömen. All das erfahren wir im ehemaligen Schacht 1, der heute als Schaubergwerk dient. Wir stolpern durch niedrige, feuchtkalte Gänge, der Grubenführer demonstriert uns die damaligen Werkzeuge, wirft einen Kompressor an, erklärt die Gesteinsschichten. Geschichte hautnah.

Als passenden Ferienkrimi las ich «Der Lucens-GAU» des Berner Oberländers Peter Beutler, die fiktionalisierte Geschichte des Schweizer Versuchsreaktors. Beutler dramatisiert die Atomgeschichte der Schweiz, die grössenwahnsinnigen Pläne, eine eigene Reaktortechnologie und schlussendlich eine eigene Atombombe zu entwickeln und diese mit den Mirage-Fliegern über Moskau abzuwerfen. Anfangs etwas holprig, nimmt die Erzählung bald Fahrt auf und lässt einen nicht mehr los. Die Stärke des Buchs: Es basiert auf gründlichen Recherchen und Interviews, verbindet mehrere Zeitachsen vom Zweiten Weltkrieg bis zu Fukushima 2011 und lässt die Kalte-Krieg-Hysterie sowie die Selbstherrlichkeit der Wissenschaftler und Militärs spürbar werden.

Zurück aus dem Erzgebirge, statte ich endlich Lucens im waadtländischen Broyetal einen Besuch ab. Diese Woche ist es fünfzig Jahre her, dass der Reaktor geborsten war und die Kaverne mit Beton hatte gefüllt werden müssen. Das Imposanteste an Lucens ist das Schloss, von dem aus einst die Berner Aristokratie ihre UntertanInnen knechtete, das Sympathischste die kleine Dorfbeiz, und das Diskreteste ist das Eingangsgebäude zum einstigen Katastrophenreaktor.

Es liegt etwas ausserhalb des Ortes am Hang und ist beschriftet mit: «Dépôt et Abri de Biens Culturels». Der Kanton nutzt die Stollen seit einiger Zeit als Lager für Kulturgüter. So werde der Ort rehabilitiert, hatte der Kurator einem Reporter erklärt. Weder am Gebäude noch irgendwo im Ort findet sich ein Hinweis darauf, dass es 1969 hier, technisch gesehen, zu einem der ersten schweren Atomunfälle der Welt gekommen ist. Zum Glück tief im Fels, zum Glück nicht unter der ETH Zürich, wo der Reaktor ursprünglich hätte gebaut werden sollen. Keine öffentlichen Führungen, nirgends ein Denkmal oder eine Tafel. Eine meisterliche Verdrängungsleistung – Geschichte entsorgt.

Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee. Sie empfiehlt allen, sich in Lucens selber ein Bild zu machen.

Weitere Buchtipps: Werner Bräunigs Roman «Rummelplatz» über die Wismut-Zeit, Walter Matthias Diggelmanns «Verhör des Harry Wind» über die Schweiz im Kalten Krieg und Susan Boos’ Sachbücher über die Atomwirtschaft.

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