Nr. 29/2008 vom 17.07.2008

Im verstrahlten Salon

Man wollte im Hügelzug Asse zeigen, wie toll sich Atommüll versorgen lässt. Doch jetzt erleben Deutschlands Endlagerbauer dort ihren grössten Alptraum.

Von Susan Boos

Dafür, dass Anette Parlitz und Heinz-Jörg Haury gerade lernen müssen, wie es sich anfühlt, wenn man zu den Bösen zählt, sind sie entwaffnend nett. Sie haben weder jemanden umgebracht noch Geld unterschlagen - sie repräsentieren lediglich Asse II, und das ist schlimm genug. Im alten Salzbergwerk Asse II lagern Atommüllfässer, die bereits rinnen und das Wasser kontaminieren.

Heinz-Jörg Haury kennt die Stollen des Bergwerks schon mehr als zwanzig Jahre - als höchster Pressesprecher des Helmholtz-Zentrums, der staatlichen Forschungsstelle, die ihren Sitz in München hat und für die Asse zuständig ist. Die Asse ist eigentlich ein sanfter, grüner Hügelzug südlich von Braunschweig in Niedersachsen, also weit ab von München, wo Haury lebt und arbeitet. Aber jetzt, wo die JournalistInnen emsig nach heissen Asse-Geschichten graben und auch bürgerliche PolitikerInnen über den «Skandal Asse» schimpfen, hat man Haury nach Niedersachsen beordert.

Das Endlager, das keines ist

Heinz-Jörg Haury sei ein alter Hase, der viel wisse und es gut mit Journalisten könne, sagen die, die schon seit Jahren gegen die Asse kämpfen und sich jetzt triumphierend zurücklehnen könnten, weil endlich eingetreten ist, wovor sie ewig warnten.

Wenn man Haury fragt, warum die «ganze Geschichte» gerade jetzt hochkoche, sagt er, er wisse es nicht.

Die «ganze Geschichte», das sind einige üble Fakten, die dazu führen dürften, dass eine lange gehegte, kostspielige Idee absäuft - die Idee, hochaktiven Atommüll sicher tief unter der Erde in einem Salzstock zu versorgen.

In der Asse hat man ausprobiert, wie das einst im geplanten Endlager in Gorleben (vgl. unten: «Deutschlands Endlager») im grossen Stil vonstatten gehen könnte. Die Asse galt als Forschungsbergwerk, betrieben von der Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), die heute eben Helmholtz-Zentrum heisst.

Was als kleiner Versuch begann, hat sich für die Endlagerbauer zur grössten vorstellbaren Katastrophe entwickelt: Wasser dringt in das Bergwerk ein und frisst den Salzstock weg. Zudem leckt das Lager bereits, cäsiumverseuchtes Wasser tritt aus.

Vor über hundert Jahren trieben Bergleute einen ersten Schacht in die Asse, um Salz abzubauen. Der erste Schacht soff, wie die Kumpels sagen, bald ab, weil Wasser ins Bergwerk kam. 1906 trieben die Bergleute an anderer Stelle einen neuen Schacht in den Hügel, eben Asse II. Zuerst holten sie Kalisalz aus dem Boden, das sich als Dünger verkaufen liess, später gewannen sie Steinsalz. 1964 rentierte auch das nicht mehr, die Zeche wurde geschlossen.

Da kaufte die Gesellschaft für Strahlenschutz im Auftrag des Bundes das Salzbergwerk mit allem Drum und Dran und dem Ziel, die sogenannte «Tiefenlagerung» auszuprobieren. 1967 kamen die ersten gelben Fässer an - man nannte es «Versuchseinlagerung von schwachradioaktiven Abfällen». Offiziell war die Asse nie ein Endlager, sondern immer nur ein Bergwerk. Und das ist sie bis heute geblieben, was zur kuriosen Situation führt, dass das Endlager, das rechtlich keines ist, nicht dem Atomrecht, sondern dem Bergrecht untersteht.

Bis 1978 wurden 125 000 Fässer mit schwachaktiven und 1300 Fässer mit mittelaktiven Abfällen in die unterirdischen Hallen gestellt. Platz hat es genug im Salzstock, der einem Hochhaus im Berg gleicht: 3,5 Millionen Kubikmeter Hohlraum auf zwanzig Etagen.

1976 trat in Deutschland das revidierte Atomgesetz in Kraft, das den Begriff Endlagerung erstmals juristisch fasste. Damit war klar: Ein Endlager muss ein Bewilligungsverfahren durchlaufen - ein sogenanntes Planfeststellungsverfahren -, bei dem die Bevölkerung ein beschränktes Mitspracherecht geniesst.

Die GSF hatte noch die Bewilligung, bis 1978 Atommüll in der Asse einzulagern. Danach hätte auch die Asse das übliche Atomverfahren durchlaufen müssen. Die GSF verzichtete darauf und beschloss, die Asse stillzulegen - unter Bergrecht, nicht unter Atomrecht.

Dreissig Jahre später herrscht immer noch Grabenkrieg. Das Helmholtz-Zentrum möchte die Asse so schnell wie möglich verfüllen, fluten und vergessen. Die GegnerInnen opponieren: Das Salzlager fluten sei Wahnsinn - der Müll müsse raus!

Fahrt durchs Salz

Im Förderkorb geht es rasant 700 Meter in die Tiefe. Unter Tage sagt man «Glück auf!» statt «Guten Tag!». Jeder trägt seine Grubenlampe, seinen Helm und hat einen Selbstretter dabei, eine behäbige Büchse, die einen für eine Stunde mit Sauerstoff versorgen würde, falls etwas schiefginge.

Heinz-Jörg Haury sagt, er verstehe die Aufregung nicht. Und vor allem versteht er nicht, warum sie, die Helmholtz-Leute nun an allem schuld sein sollten. «Wir sind besten willens, versuchen die beste Lösung zu finden. Geld spielt keine Rolle, hat nie eine Rolle gespielt. Die einzige Frage, die uns interessiert: Was ist die sicherste Lösung?», sagt er, und man weiss nicht, ob er nun ehrlich oder nur gewieft ist.

«Bis vor kurzem», sagt Haury, «konnten wir regelmässig Pressekonferenzen organisieren, und es hat niemanden interessiert. Jetzt haben wir fast täglich Journalisten hier. Es wird auch viel Unsinn geschrieben, über angeblich geheime Versuche, die wir hier unten durchgeführt hätten, die aber nie geheim waren.»

Annette Parlitz startet den weissen Jeep. Sie führt BesucherInnen durch das alte Salzbergwerk. Der Stollen sieht aus wie eingewöhnlicher Tunnel, die Wände grau wie Beton. Salzbergwerke gälten unter Bergleuten als Salonbergwerke, sagt Parlitz und lacht, kein Dreck, kein Staub wie in den Kohlegruben oder im Erz. Die Strasse schimmert an manchen Stellen fein geschmirgelt weiss. Das ist das Salz.

Die Fahrt geht durch den Berg, zwanzig Kilometer finsteres Labyrinth. Parlitz hält vor einer offenen Kaverne und deutet auf einen grünen, staubigen Deckel, der im Boden eingelassen ist. Hier hat man in die sieben Meter dicke Salzdecke ein Loch gebohrt und in die darunter liegende Kaverne Atommüllfässer plumpsen lassen. Strahlung ist keine zu messen, weil Salz vor Strahlung schützt wie Beton.

«Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Geologie den Atommüll sicher verwahren muss», erklärt Haury. Ein Salzstock hat die Eigenschaft, Hohlräume wieder zu verschliessen. Nach vierzig bis sechzig Jahren ist jeder Tunnel im Salzstock zusammengepresst und verschwunden. Selbstheilung nennt sich das.

Das Asse-Salz ruht seit 150 Millionen Jahren. Die Hoffnung war, man könnte den Atommüll ins trockene Salz legen, dieses würde ihn sorgsam umschliessen und weitere Jahrmillionen sicher hüten. Deshalb, sagt Haury, hätten sie auch die nackten Fässer in die Kavernen gelegt und diese nicht mit Sicherheitsbehältern umschlossen. Sie haben an die Geologie geglaubt - und werden nun eines Besseren belehrt. Aber hier habe man eben auch Salz abgebaut, sei deswegen zu nahe an die wasserführenden Schichten gegangen - bei Gorleben wäre alles anders, besser, weil dort der Salzstock ungestört sei.

Seit 1985 kommt von aussen Lauge in den Salzstock, sagt Haury. Parlitz fährt den Jeep an eine Stelle, wo von der Decke filigrane weisse Stalaktiten herabwachsen. An manchen Stellen regne es förmlich durch das Gestein, sagen Haury und Parlitz, das könne man nicht abdichten. Insgesamt zwölf Kubikmeter Wasser dringen täglich ein, hoch gesättigtes Salzwasser, das den Berg langsam vernichtet. Ein Kubikmeter dieses Wassers frisst drei Kubikmeter Kaligestein weg. Palitz leuchtet mit ihrer Lampe an die Decke, wo sich schon schwarze Schrunden öffnen.

Der Berg wird instabil. In einigen Jahren wird er in sich zusammenstürzen. Eine Studie sagt, dass dies schon 2014 geschehen könnte.

«Wir haben deshalb nicht mehr viel Zeit und müssen möglichst bald eine praktikable Lösung finden», sagt Haury. Ihre Lösung sieht wie folgt aus: Die offenen Kavernen und Tunnels werden mit einem speziellen Salzbeton ausgefüllt, um den Berg zu stabilisieren. Danach wird der ganze Salzstock mit einer speziellen Lösung - sie nennen es Schutzfluid - geflutet. Klingt verrückt, das räumt auch Haury ein. Denn das Letzte, was man in einem Salzendlager haben möchte, ist Wasser, da es nichts Aggressiveres gibt, als Salzwasser. Salzwasser zerfrisst Metallfässer binnen Kürze, zudem können die radioaktiven Stoffe über das Wasser nach draussen gelangen.

Das Schutzfluid sollte nun schwerer sein als die Salzwasserlauge - wodurch die Radionuklide unten blieben und nicht nach oben gespült würden. So geht zumindest die Theorie.

«Vorsicht Kontamination!»

Hätten aber ihre Theorien immer gestimmt, herrschte heute nicht dieses Chaos in der Asse. Dann würde auch kein Cäsium auslaufen. Parlitz startet erneut den Wagen und fährt an eine dieser verseuchten Stellen. Sie nennen es Laugensumpf, ein kleiner Teich, dreieinhalb mal vier Meter gross. Abgesperrt durch ein Seil und versehen mit Warnschildern: «Vorsicht Kontamination!», «Kontrollbereich Radioaktivität», «Betreten nur mit Filmplakette und abnehmbarem Dosimeter». Der Tümpel liegt seit fünfzehn Jahren neben der verschlossenen Kammer zwölf, in der sich Fässer mit strahlendem Müll türmen. Vor drei Jahren fand man im Laugensumpf erstmals Radionuklide, heute übersteigt die Kontamination den erlaubten Grenzwert an Cäsium-137 um das Achtfache.

Sie wüssten nicht, woher das Cäsium komme, sagt Haury. Vermutlich aus Kammer zwölf, wo vielleicht die ersten Fässer barsten. Um sicher zu sein, müsste man die Kammer aufbohren, sagt Haury.

Das verseuchte Wasser pumpten die Asse-Betreiber einige hundert Meter tiefer in den Salzstock. Als das vor wenigen Wochen auskam, kochte die Empörung hoch. Haury sagt, es sei ein Fehler gewesen, das nicht rechtzeitig und klar zu kommunizieren: «Aber was hätten wir denn tun sollen? Dort unten ist das verseuchte Wasser sicherer als weiter oben, wo Leute arbeiten.» Und nach Bergrecht hätten sie das auch tun dürfen.

Die Asse-GegnerInnen verlangten, dass sie den ganzen Atommüll aus dem Salzstock nehmen, meint Haury, aber das sei sicher keine gute Lösung. Die, die das tun müssten, wären grossen Strahlenbelastungen ausgesetzt, was kaum zu verantworten wäre.

Der leitende Ingenieur der Asse, Günter Kappei rechnete kürzlich vor, den ganzen Abfall wieder herauszuholen, würde zwei bis drei Milliarden Euro kosten und etwa vierzig Jahre dauern - zudem würde das Helmholtz-Zentrum damit «zu Deutschlands grösstem Erzeuger von radioaktivem Abfall». Eine elegante Form, auszudrücken, dass die Suche nach einem sicheren Atommüllendlager vollkommen gescheitert ist.

Eigentlich hätte man es gewusst

Am ersten Juliwochenende wanderten Hunderte von Asse-GegnerInnen hinauf zum Förderturm der Asse. PolitikerInnen aller Farben stiegen aufs Podium und sagten, sie fänden das mit der Asse einen unerhörten Skandal, das Bergwerk dürfe auf keinen Fall geflutet werden.

Niemand will mehr mit den Helmholtz-Leuten einer Meinung sein, auch nicht der Bauer von der CDU, der eigentlich Atomkraft ganz in Ordnung findet. Und auch nicht der FDP-Abgeordnete, der sich inzwischen als Asse-Spezialist gebärdet.

Peter Dickel, der wirkliche Endlagerspezialist mit dem roten Bart, freut sich leise, dass die Asse endlich Schlagzeilen macht. «Der eigentliche Skandal aber ist», sagte er auf jener Kundgebung, «dass in dieses alte Bergwerk überhaupt je Atommüll eingelagert wurde. Und ein Skandal ist auch, dass seit zwanzig Jahren Lauge in den Schacht läuft und wir trotzdem all die Jahre nichts anderes gehört haben als Beschwichtigungen.»

Die Gefahren seien von Anfang an bekannt gewesen, schon im Juli 1964 hätten die umliegenden Gemeinden vor dem Wasser im Salzstock gewarnt. Die Betreiber wie die zuständigen Politiker hätten aber nichts davon hören wollen.

Dickel erzählt später von Professor Klaus Kühn, der dank der Asse zum Endlagerpapst Deutschlands wurde. Er hatte Salz als bestes Endlagergestein gepriesen, die Asse konzipiert und unverfroren behauptet: Wasser- und Laugeneinbrüche seien «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschliessen». Kühn war es auch, der Gorleben als Standort für den hochaktiven Müll auserkor. Wenn nun seine Asse jämmerlich absäuft, dürfte Gorleben fast zwangsläufig mit untergehen.

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