Ein Traum der Welt : Zur Sonne, zur Freiheit

Nr. 18 -

Annette Hug verpasst den Umzug

Der Plan war: mit dem Nachtzug aus Berlin am frühen Morgen ankommen, duschen, Demo. Und seit Jahren der Plan: eine ganz eigene Fahne vorbereiten, eine kunstvolle, die auch leicht zu schwingen ist. Etwas zusammengeflickt sähe sie aus, weil sie zu verschiedenen Bewegungen passen muss. Violett für den Feminismus, mit puppenartigen Ausbuchtungen à la Louise Bourgeois, dann aber auch rot, das Logo meiner Gewerkschaft, gerahmt von dunklem Samt und goldenen Kordeln, traditionsreich soll der Lappen auch wirken, mit einem «Peace»-Zeichen als Krönung der Fahnenstange. So würde ich im Umzug herumgehen, mit diesen und jenen plaudern und die Kinder bestaunen, die wieder gewachsen sind.

Aber mein Banner hätte eben auch in den bunten Haufen gepasst, der am 6. Januar 2021 das Kapitol in Washington stürmte und weiterhin die Macht der Fantasie für sich in Anspruch nimmt. Die Trump-Fans stehen mir vor der persönlichen Flagge. Und der Plan mit dem Nachtzug ging auch nicht auf. Der Zug kroch durch Deutschland – was mich auch ein bisschen erleichterte, denn Berlin war anstrengend gewesen. Wieder so eine Begegnung mit einem irgendwie linken, älteren Mann, der dem «kleinen Mann» in der Ukraine erklärt, dass er sich jetzt ergeben müsse, und weil der Ukrainer einfach nicht zuhört, gehen die Erklärungen über mir nieder. Was mich am meisten aufbringt: dass es in dieser Art «linker» Erzählung keinen Platz dafür gibt, was Demokratie und Rechtsstaat ermöglichen. Als sei das nur so bürgerliches Beigemüse.

Im Nachtzug bin ich nicht unglücklich beim Gedanken, einigen Begegnungen am Zürcher 1.-Mai-Umzug auszuweichen. Die Stalin- und Mao-Porträts in einem der türkischen Blöcke hätte ich dieses Jahr auch deshalb schlecht ertragen, weil ich eigentlich im Nachtzug Werner Bräunigs Roman «Rummelplatz» fertig lesen wollte. Ein herbes und mitreissendes Buch über junge Arbeiter in den Uranbergwerken der «SDAG Wismut» im Erzgebirge, «im Jahr vier nach Hitler», als die Sowjetunion den Grundstoff für ihre Atombomben und Kernkraftwerke zum grössten Teil in der jungen DDR abbaute: «Brack. – Das war ein Wort, das blieb in der Luft hängen. Eine Menge neuer Wörter lernte man, Glück auf und Vortrieb und Karascho und Progressive. Und wenn man Glück hatte oder ein Blauhemd, lernte man drushba. Und wenn man kein Glück hatte, lernte man Brack und dawai-dawai. Was alles russisch war. Aber Brack, das war finster. Das war Ausschuss, Bruch, schlechte Arbeit. Das war manchmal Unfall. Und war manchmal Sabotage.»

Bräunig breitet ein «Wismut-Idiom aus Deutsch und Russisch und gutem Willen» aus, ungeschützte Arbeit, an der viele krepierten. Ein von Krieg und Faschismus zerstörtes Land, in dem sich aller Härte zum Trotz so etwas wie Hoffnung regt, weil Zusammenarbeit und Freundschaft doch manchmal gelingen. Ein richtig sozialistischer Autor war Bräunig, der an die DDR glaubte, aber von der Partei prompt kaputtgemacht wurde. Der Roman durfte 1965 nicht erscheinen. Erst 2007 kam er heraus, mit einem Vorwort von Christa Wolf, die nur konstatieren konnte: Die Wirkung wäre natürlich eine ganz andere gewesen, wenn.

Das Bibliotheksexemplar habe ich im Hotel in Berlin vergessen. Der Zug kam erst gegen Mittag in Zürich an. 1. Mai war schwierig dieses Jahr.

Annette Hug ist Autorin in Zürich und hadert. Was sie aber rührt: eine Durchsage der Bahn, der Nachtzug habe drei Stunden Verspätung wegen «Tieren in Gleisnähe».