Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Die Frauenförderin

Von Stefan Howald

In einer bildungsbürgerlichen Familie aufgewachsen, genossen ihre vier Brüder alle eine gute Ausbildung. Ihrer Schwester und ihr selbst blieb das verwehrt; doch im Selbststudium eignete sie sich eine weit ausgreifende Bildung an, nach dem Motto «Gebildet, ohne gelehrt zu sein». 1855 erschien anonym die Schrift «Die Frauen und ihr Beruf», in der Zweitauflage ein Jahr später gab sich die Autorin zu erkennen. Eine Reform der Schulen und des Unterrichts für Mädchen und Frauen war die Hauptforderung: «Die allgemeine Bildung, die menschlich frei und tüchtig macht, darf den Frauen unter keiner Bedingung vorenthalten werden.» In späteren Schriften ging es um die Eroberung bislang Männern vorbehaltener Berufe. «Die Befähigung zur Arbeit, die Möglichkeit der Arbeit und das Recht die Arbeit zu wählen, die ihm zusagt, das ist die (…) Morgengabe, welche der Geist des Jahrhunderts dem weiblichen Geschlechte in die Wiege zu legen sucht.»

Eine Rückenverkrümmung aus der Kindheit behinderte sie zeit ihres Lebens, hielt sie aber nicht von zahlreichen Bildungs- und Vortragsreisen ins Ausland ab.

1866 schloss sich die Publizistin mit Prinzessin Alice von Hessen und bei Rhein zusammen – die Tochter der britischen Königin Victoria engagierte sich im Grossherzogtum Hessen als aufgeklärte Adlige in der Gesundheitspflege und Sozialarbeit. Gemeinsam schufen sie einen Frauenverein zur Krankenpflege, eine Verkaufsstelle für Heimarbeiterinnen sowie eine Berufsfachschule für Mädchen und eine Volkshochschule für Frauen. Die gewiefte Organisatorin unterstützte auch den Aufbau eines gesamtdeutschen Verbands der Frauenbildungs- und Erwerbsvereine und schrieb Leitartikel in der Zeitschrift «Der Frauen-Anwalt».

Lange blieb die Autodidaktin in der Öffentlichkeit im Schatten ihrer berühmteren Brüder, eines früh verstorbenen Dichters und eines Philosophen, der mit seinen Werken die deutsche Sozialdemokratie beeinflusste. Doch eine vielfach nachgedruckte Illustration zeigt sie im Kreis anderer «Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland».

1875 reiste sie mit zweien ihrer Brüder nach Zürich zu einer Gedächtnisfeier für den Dichterbruder, wobei sie es nicht versäumte, vor Ort Lehrerinnen aufzusuchen und sich über die fortschrittliche Erziehung von Frauen in Volksschule und Universität auszutauschen.

Wer war die Reformerin und Frauenrechtlerin, die auch Erzählungen und eine erfolgreiche Vortragsreihe zur deutschen Geschichte publizierte?

Es wurde nach Luise Büchner (1821–1877) gefragt, Schwester des im Zürcher Exil verstorbenen Schriftstellers Georg Büchner (1813–1837) und des Philosophen Ludwig Büchner (1824–1899). Ihrem Andenken widmet sich seit 2010 die Luise-Büchner-Gesellschaft in ihrer Heimatstadt Darmstadt, siehe www.luise-buechner-gesellschaft.de.

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