Nr. 09/2019 vom 28.02.2019

«Ich bin der Uebermensch, der Blitz am hellen Mittag»

Er sah sich als neuer Christus, erklärte sich zum Volkskaiser und wollte die Macht im Berliner Reichstag übernehmen: Vor hundert Jahren begann in der Schweiz die merkwürdige Laufbahn des Wanderpredigers Louis Haeusser (1881–1927).

Von Steffen Greiner

Am Ende seiner Karriere als Sektfabrikant und Betreiber illegaler Wettbüros sitzt der zukünftige Diktator der Vereinigten Staaten von Europa mit allen Angehörigen und FreundInnen im Casino von Luzern, tafelt prächtig auf und verschenkt sein Geld an die spiellustige Menge. Im Sommer 1918 will Louis Haeusser seinen Reichtum schnellstens loswerden: Die Wahrheit hat gerufen.

Die «Wahrheit» wird in den nächsten Jahren zum Leitmotiv des bekanntesten und erfolgreichsten unter den sogenannten Inflationsheiligen, wie man in der Weimarer Republik politische Prophetenfiguren nennt, die in der Verunsicherung nach dem Ersten Weltkrieg regen Zulauf finden. Das andere Leitmotiv heisst «Ich»: «Ich bin der Geeinte! Ich bin Ur-Einheit und Ur-Reinheit», lässt Haeusser 1919 verbreiten. «Ich bin die Ruhe und die Liebe und der Friede. Ich bin aber auch der Mörder eures falschen Glaubens und der Totschläger eurer Götter. Ich bin der Uebermensch, der Blitz am hellen Mittag.» Drei Jahre später wird er sich zum «Volkskaiser» ausrufen und sich Hoffnungen machen, mit seiner Christlich-Radikalen Volkspartei im Reichstag die Macht zu übernehmen.

Zwischenstation Monte Verità

Haeussers Karriere als Erlöser beginnt für den Bauernsohn aus Württemberg in Zürich. Nach einer Kaufmannslehre war er mit siebzehn nach London gegangen, um schliesslich in Paris einen lukrativen Handel mit dubiosen Zertifikaten aufzubauen. In die Schweiz verschlug es ihn, nachdem die französische Obrigkeit auf seine zahlreichen illegalen Aktivitäten aufmerksam geworden war.

Wie bei vielen seiner Generation weckt der Kriegsausbruch ein inneres Feuer – aber bei ihm ist es weniger imperialistische Begeisterung als das Gefühl eines Erneuerungsprozesses in Europa, der von ihm, Haeusser, ausgehen wird. Politisch steht er auf der Seite der Kriegsgegner. 1917 schreibt er dem deutschen Kaiser, er möge zurücktreten, um den Wahnsinn des Mordens zu beenden, und arbeitet wie unter Zwang an seinem Werk «Der kommende Übermensch».

Im Sommer 1918 wird der innere Druck schliesslich so stark, dass Haeusser vollständig mit seinem Leben als Geschäftsmann bricht: Noch stellt er sich als Champagnerproduzent vor, doch verkaufen will er bei Geschäftsterminen nur noch Utopie. Im Herbst bekundet er per Brief seinen Abschied von der Familie, bald speist er täglich in den Zürcher Armenküchen. Im September 1918 hält er erste Vorträge. 200 Personen habe er mit auffälliger Reklame angelockt, allein: Zu verworren sei die Rede, zu unverdaut, voller Binsenweisheiten, so befindet die NZZ, die einen Reporter geschickt hat.

Der Misserfolg treibt Haeusser ins nächste Exil, auf den Monte Verità, wo er sich mit gleichgesinnten Lebensreformerinnen und Künstlern trifft. Vor allem Gusto Gräser beeinflusst ihn, ein in Kutte gekleideter Wanderprediger mit langem Haar und wallendem Bart. Von Gräser sind schon aus dem frühen 20. Jahrhundert Fotos bekannt, wie sie erst in den späten Sechzigern im Zuge der Hippiebewegung wieder entstehen konnten.

Bald darauf, nach weiteren, erfolgreicheren Vorträgen, die der Zürcher Polizei als bedrohlich für die Ordnung erschienen, wird Haeusser als unerwünschter Ausländer abgeschoben. Als er am 28. Februar 1919 in Deutschland eintrifft, ist das Land tief traumatisiert und hungrig nach Utopie. In Berlin ist der Ausgang der Revolution noch nicht entschieden, überall spriessen politische Experimente, temporäre Räterepubliken, aber auch völkische Gegenströmungen. Im Sommer 1920 wird der Prediger Friedrich Muck-Lamberty mit der Neuen Schar durch Thüringen ziehen, um jugendbewegt die politischen Grabenkämpfe durch einen kollektiven «Tanztaumel» zu besiegen. Im Ruhrgebiet agitieren die «Christ-Revolutionäre» für einen konservativ-antisemitischen Sozialismus in Jesu.

Louis Haeussers Lehre zwischen Tao und Christus mochte in der Weimarer Republik wenig verfangen, aber als Wanderprediger entdeckte er sein Talent für Publikumsbeschimpfung und Pathos – und er setzte sein beeindruckendes Äusseres strategisch geschickt ein: Auch im Sommer liegt der Pelzmantel über den Schultern, die Locken fallen prächtig, sein Bart wuchert immer prophetischer. So schafft er es schnell vom Strassengraben in die Salons der Städte. 1920 hat er eine beträchtliche Schar AnhängerInnen, die Plakate kleben, Flugblätter verteilen, ihn finanziell unterstützen.

Die innere Wahrhaftigkeit steht am Anfang seines Wirkens, die er bis hin zur freien Liebe dachte: Nur wem es gleichgültig sei, «ob er Stirne oder Muttermund küsst», nur wem alles gleichermassen rein sei, dem sei die «Rehabilitierung der Geschlechtsorgane» vorbehalten, schrieb er 1921, auf sich und seine Sexualität bezogen. Ähnlich wie dem russischen Prediger Rasputin wenige Jahre zuvor eilte ihm deswegen der Ruf eines unersättlichen sexuellen Genius voraus, was es dem Staatsapparat leichter machte, ihn immer wieder mit Haftbefehlen und Bussgeldern unter Druck zu setzen.

«Deutschvölkischer Kommunist»

Mit der Zeit bekommt seine Mission aber immer mehr politische Züge. Das ist natürlich mit Schwierigkeiten verbunden: Nachdem er über Jahre die absolute Herrschaft des Ich und gegen jeden gesellschaftlichen Zwang gepredigt hat, will Haeusser nun aus einer organisationsfeindlichen Gruppierung eine Partei machen, die von rechts bis links alle Strömungen vereint. In seinen Äusserungen bleibt Haeusser dabei äusserst ambivalent: Auch er redet vom Herrenmenschen, wie es die erstarkenden Völkischen tun, aber: «Ich will Herrenmensch werden, nicht der Herr über Menschen, sondern über mich selbst!»

Auch er glaubt an die Deutschen als das führende Volk Europas, aber sie sollen ein Volk von «Geist-Monarchen» sein. Deutschland, fasst es der Historiker Ulrich Linse in seinem Buch über «Barfüssige Propheten» (1986) zusammen, solle durch «eine moralische Bewusstseinsrevolution» transformiert werden: «Revolutioniere DICH, auf dass es DIR besser werde, so ist einem Teil des Staates geholfen.» Schon seine ZeitgenossInnen sahen Louis Haeusser als ehrfurchtgebietende Figur oder unfreiwilligen Komiker. Die Berliner Dadaisten in Gestalt von Johannes Baader forderten ihn auf, endlich die Macht an sich zu reissen. Walter Gropius lud ihn ans Weimarer Bauhaus ein, wo er nach einem Vortrag letztlich doch als messianisches Abziehbild verspottet wurde.

Seine Vorstellungen vom Staat als Verband seelisch gereinigter AnarchistInnen konnte er nicht parteipolitisch umsetzen. Seine 1922 gegründete Christlich-Radikale Volkspartei fand von links bis rechts keine Anknüpfungspunkte. Bei den Reichstagswahlen 1924 trat er hingegen mit dem Haeusser-Bund an. Auch diesmal verwirrt er das Spektrum: Sein Anspruch als «Hakenkreuzbolschewik» erscheint heute als ungute Vorwegnahme Hitlers, eine Selbstbezeichnung als «anarchistischer Monarchist» hingegen eher als ungewollt lustig.

Bei den Wahlen erreicht er, der in diesen Jahren meist im Gefängnis sitzt, nur 25 000 Stimmen – bei weitem nicht genug für ein Mandat. Die Stabilisierung der Weimarer Republik nach der Inflation 1923 lässt gesellschaftspolitische Experimente und Sehnsüchte nach Führerfiguren wieder in den Hintergrund treten. Fürs Erste zumindest.

«Blut muss fliessen!»

Haeusser stirbt 1927, die langen Kämpfe mit der Justiz und der unstete Lebenswandel haben ihn ausgezehrt. Aus heutiger Perspektive erscheint er als absurde Fussnote, als Wegweiser einer Querfront aus Esoterik und Politik, dem Denken rechter und linker Strömungen. Dabei spricht aus seiner von ungebrochenem Narzissmus befeuerten Lehre doch auch viel von der Gewalttätigkeit, die damals in der Luft lag.

In seiner Proklamation zum Volkskaiser im Dezember 1922 – zuvor hat er sich bereits zum Diktator der Vereinigten Staaten von Europa ernannt – fordert er neben dem Ende jeglichen politischen Zwangs, dem Öffnen von Gefängnissen und Irrenanstalten auch ein grosses Blutbad unter seinen GegnerInnen. «Ich bin der rechte Blut-Wind! Blut-Hund! Blut-Sturm! Blut – Blut – Blut – Blut soll fliessen, Blut muss fliessen! In allen Rinnsteinen wie nach einem Wolkenbruch wird das Blut sich anstauen!», schreibt er. «Adolf Hitler oder Louis Haeusser?», wird bald eine Ausgabe der Postille seiner Anhängerschaft fragen. Gut ausgegangen wäre es wohl auch in Haeussers Fall nicht.

Ulrich Linse sieht in den Inflationsheiligen jener Zeit «Mutanten des Typus Hitler». In Gestalten wie Haeusser oder Gusto Gräser treffen die Energie des Aufbruchs, anarchistische, antibürgerliche und lebensreformerische Tendenzen auf argen Konservatismus, völkischen Nationalismus und Antisemitismus. Muck-Lamberty, der völkische Tanztaumler, wird zum Nationalsozialismus auf Distanz gehen, sich nach dem Krieg als Kunsthandwerker etablieren und die Revolten von 1968 als Vollendung dessen verstehen, was er in den wirren Weimarer Jahren begann.

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