Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Vom Ende des Lebens

Ruedi Widmer über CO2, Pick-ups und Menschen vom anderen Ende

Von Ruedi Widmer

Manchmal, nein, sogar oft, kommt man dank Social Media mit Teilen in Kontakt, die am anderen Ende des Volkskörpers hängen.

Auf der Facebook-Präsenz einer linken Partei traf ich auf eine Person aus der Leugnerindustrie, Abteilung Klima. Diese präsentiert sich im Profil autofahrend und hängt einer mir bisher nicht bekannten Lehre an, die behauptet, es sei ungemein schädlich, CO2 zu reduzieren, denn der Pflanzenwuchs benötige CO2, und durch die Reduktion werde das Leben zerstört. Neben vielen Beschimpfungen gegen grüne Politik stach im Beitrag die markante Schlagzeile «Völkermord durch CO2-Reduktion» ins Auge. Dass mit diesem Völkermord der automobile, gretakritische, maskulin-arische Teil der abendländischen Bevölkerung gemeint sein muss, erschloss sich aus der ganzen Anmutung des Beitrags und dem Profil des Verfassers. Trotzdem sah ich darin auch eine Chance, mit der Person auf eine gemeinsame Diskussionsebene zu kommen.

Ich vermutete, dass diese Person höchstwahrscheinlich keine Freude an Leuten aus Afrika hat. Ich schrieb unter ihren Beitrag, ich sei angetan vom Völkermordkonzept. Denn wenn ich aufhöre, Auto zu fahren, könne ich viel für die Erde und den Volkskörper hierzulande erreichen. Jeder Verzicht auf zehn Kilometer Autofahrt beende das Leben eines Menschen, der kläglich am fehlenden CO2 in der Luft zugrunde gehe, gewissermassen ersticke. Je mehr Leute nicht mehr Auto führen, desto mehr werde die Überbevölkerung reduziert und umso weniger Flüchtlinge aus Afrika würden in unseren Sozialstaat hineingesogen. Es habe ja am wenigsten Menschen gegeben, als es noch keine Autos gegeben habe (früher).

Die Grünen (denen der CO2-Fan in seinem Beitrag vorwarf, von Physik null Ahnung zu haben) würden meines Erachtens durch ihren CO2-Verzicht helfen, den Traum der Rechtspopulisten von einer Erde mit nur Rechtspopulisten (überlegene Kondition und natürliche Überintelligenz) in die Realität umzusetzen, und müssten deshalb von jedem Rechtspopulisten gewählt werden. Doch Voraussetzung für das Menschenexperiment mit CO2-Entzug sei das Verbot von Autos.

Leider wurde mein Beitrag sehr schnell vom Netz genommen; ob von der linken Partei oder vom Autofahrer, konnte ich nicht eruieren. Für beide Seiten sind meine düsteren Zukunftsaussichten nicht schmeichelhaft.

Es ist absehbar, dass sich auch hierzulande eine Bewegung findet, die in den USA in den Obama-Jahren aufgekommen ist. Dort bauen Männer die Dieselmotoren ihrer riesigen Pick-up-Trucks dergestalt um, dass aus den Auspuffkaminen schwarzer Rauch quillt. Damit wollen sie ihren Unmut ausdrücken gegenüber E-Autos, (vermutlich) Frauen und das blöde Eis in der Arktis, das die CO2-Injektionen nicht zu schätzen weiss. Die Szene nennt sich «Rolling Coal» (vgl. Wikipedia). Begegnet ihnen ein Toyota-Prius-Hybridauto, verdoppeln die Rolling Coaler die Treibstoffzufuhr, um die ganze Strasse schwarz einzurauchen. Das Ziel sind die absichtliche Umweltverschmutzung und ein Ausgleich für die (zumindest vor Ort) inexistente CO2-Emission des Elektrofahrzeugs.

Aus der Sicht des Facebook-Schreibers von oben löst so eine Russwolke das Wachstum mindestens eines Apfelbaums, dreier Tannen und einer Linde aus.

Ich habe noch eine Idee für die Rolling Coalers. Ein Pick-up amerikanischer Prägung hat hinten eine Ladefläche. Diese eignet sich sehr gut, um darauf während der Fahrt Abfälle zu verbrennen (vielleicht sogar Giftabfälle) und so die Umweltverschmutzung während der Fahrt noch zu verstärken. Wenn das Feuer auf den gesamten Pick-up übergreift, ist die Verschmutzung maximal, und es gibt wohl keinen schöneren Tod für einen Rolling Coaler, als in der eigenen Russwolke in den Himmel zu fahren. Mit dem CO2 ist gleich auch die Grabbegrünung gesichert.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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