Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Die «verdächtige» Künstlerin

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Wir reden von einer Zeit, als ein Kurzhaarschnitt bei Frauen als klare Provokation galt. Ebenso wie Rauchen in der Öffentlichkeit. Am 16. September 1910 spazierte die Gesuchte mit ihrem zweiten Gatten rauchend und in Männerkleidern die New Yorker 5th Avenue entlang. Beide wurden von der Polizei festgenommen und als «verdächtige Personen» kurzzeitig eingesperrt. Der «New York Times» war der Zwischenfall unter dem Titel «She Wore Men’s Clothes» sogar eine kleine Meldung wert.

Bekannt ist die Tochter eines polnischen Maurermeisters heute vor allem unter ihrem adligen Künstlerinnennamen, den sie von ihrem dritten Mann übernommen hatte. Bevor sie nach New York kam, lebte sie in Frankreich und Deutschland – und ein Weilchen auch in Wollerau am Zürichsee. Gestorben ist sie 1927 in Paris mit nur 53 Jahren an einer Gasvergiftung; wobei unklar blieb, ob es ein Unfall oder Selbstmord war. In biografischen Porträts beschreibt man sie bevorzugt als Nacktmodell, Muse oder verrückte Exzentrikerin. Sogar von wohlgesinnten BiografInnen wird sie unter reisserischen Projektionen wie «Vollweib», «multisexuelle Kleptomanin» oder «männerjagende Protopunkpoetin» begraben. Dass sie selbst Künstlerin war und ein sehr eigenständiges Werk als Dichterin geschaffen hat, geriet bald in Vergessenheit und musste von jeder nachfolgenden Generation neu entdeckt werden. Zeitlebens verkehrte sie in der Avantgarde, unter Dadaistinnen und Surrealisten. Auch mit zahlreichen modernistischen LiteratInnen war sie eng befreundet. Ihr künstlerischer Antrieb war «der Protest gegen alles Konventionelle».

Viele ihrer Werke waren flüchtige Performances, die nur auf ein paar wenigen Fotografien überhaupt festgehalten sind und uns Heutige sofort an Madonna oder Lady Gaga denken lassen. Als Ausdrucksmittel dienten Kleider und alltägliche Accessoires, aber auch Körper und Stimme als weitere Medien, mit denen sie sich selbst in ein ausdrucksstarkes Alltagskunstwerk verwandelte. Ihre Poesie lebt von Witz und Gedankenstrichen, und sie machte sich eine Riesenarbeit damit, ihre Gedichte immer weiter zusammenzustreichen, bis sie oft nur noch aus Wortlisten bestanden.

Wer ist die Frau, die sehr wahrscheinlich hinter einem der berühmtesten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts steckt, was aber jahrzehntelang nicht thematisiert wurde, weil sich ein viel bekannterer Mann als dessen alleiniger Urheber ausgab, obwohl er ursprünglich in einem Brief an seine Schwester freimütig offenbart hatte, dass das Werk gar nicht seine Idee gewesen war?

Wir fragten nach der Dadakünstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven, die 1874 im polnischen Swinemünde als Elsa Hildegard Plötz zur Welt kam. Sie wollte auf keinen Fall ein langweiliges kleinbürgerliches Leben führen, sondern frei von Zwängen sein, Künstlerin werden, die Welt entdecken. Der Preis für die Verwirklichung dieses Traums waren oft bittere Armut und auch anderweitig schwierige Lebensumstände. Es gibt einige Hinweise, dass nicht Marcel Duchamp, sondern Elsa von Freytag-Loringhoven hinter dem Kunstwerk «The Fountain», dem berühmtesten Readymade aller Zeiten, steckt: einem handelsüblichen Porzellanurinal, das durch die Zeichnung mit dem Pseudonym R. Mutt und die Verschiebung in den Ausstellungskontext zum Kunstwerk «zweckentfremdet» wurde. Das Original-Urinal von 1917 ist verschollen, aber Duchamp signierte später zahlreiche Repliken. Dies, obwohl er selbst bereits 1917 ganz offenherzig an seine Schwester Suzanne geschrieben hatte: «Eine meiner Freundinnen reichte unter einem Pseudonym, Richard Mutt, ein Porzellanurinal als Skulptur ein.» Dieser Brief ist seit über zehn Jahren bekannt, trotzdem wird «The Fountain» weiterhin meistens Duchamp zugeschrieben.

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