Nr. 15/2019 vom 11.04.2019

Die Künstlerin im Bullshitdetektor

Von Daniela Janser

«Das kann meine Vierjährige auch» ist ein so bescheuerter wie beliebter Spruch, um seine Geringschätzung moderner Kunst kundzutun. Um zeitgenössische Performancekunst so richtig zu entlarven, braucht es allerdings schon Erwachsene mit solider Comedyerfahrung. «The Artist Is Waiting» heisst ein glorios fieses Stück, das kürzlich in der US-Mockumentary-Reihe «Documentary Now» zu sehen war. Dessen beissender Spott gilt ganz unverhohlen der berühmtesten Performancekünstlerin unserer Tage: Marina Abramovic.

Bloss notdürftig getarnt unter dem Künstlernamen Izabella Barta, wird die Abramovic hier nach allen Regeln der Kunst persifliert. Die virtuose Imitation geht so weit, dass man die ebenfalls nicht gerade unbekannte Schauspielerin in gewissen Szenen kaum wiedererkennt: Es ist Cate Blanchett, die sich hier über die Künstlerin mokiert. Etwa wenn sie dem Chefkurator das eine neue Werk ihrer grossen Retrospektive näherbringen will, für das sie allerdings eine Museumswand in Brand zu stecken gedenkt. Oder wenn sie in einem Trainingslager eine Schar junger KünstlerInnen, die ihre Performances nachspielen sollen, auf die zu erwartenden Strapazen einschwört: «Macht es euch im Unbequemen bequem!»

Nun mag man einwenden, dass die pompöse, oft unerträglich selbstbezogene und auch hart an der Banalität vorbeischrammende Kunst von Abramovic ein allzu leichtes satirisches Fressen sei. Wirklich herausragend an «The Artist Is Waiting» ist denn auch, dass die Episode zwei weitere Zielscheiben noch härter unter Beschuss nimmt als Abramovic selbst: ihren langjährigen Liebhaber und Performancepartner Dimo Van Omen alias Ulay – und das Genre des klassischen Künstlerdokumentarfilms im Allgemeinen, in dem sich Kunstschaffende, Kritiker und Kuratorinnen reihum bereitwillig zum Affen machen und irgendwo zwischen symbolschweren Kindheitsanekdoten und anderem Pseudotiefsinn jeden Bullshitdetektor zum Erröten bringen.

Abramovic wird sich zu trösten wissen: Immerhin wurde eine Schauspielerin vom Kaliber einer Cate Blanchett aufgeboten, um sie in die Pfanne zu hauen.

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