Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Winzstädtler romantisiert

Von Stephan Pörtner

Sein Lebensziel, das Ersparte sowie das Pensionskassenkapital in einen Tabakladen hinter dem Bahnhof einer Kleinstadt zu investieren und ihn beim Ausscheiden aus dem Arbeitsleben als geruhsamen Nebenerwerb zu betreiben, war noch schlechter gealtert als sein Haarschnitt, eine Art ausgefranster Tolle, die ihm inzwischen müde vom Haupt hing. Trotzdem blieb Winzstädtler entschlossen, seinen Plan unbeeindruckt von veränderten Lebensgewohnheiten, explodierten Immobilienpreisen in Bahnhofsnähe und der Beherrschung des Tabakmarktes durch Grossverteiler, Kioskketten und Hard Discounter durchzuziehen. Verhindert wurde dieses ruinöse Vorhaben durch seine umsichtige Chefin, die Winzstädtlers Pensionierung so lange hinauszögerte, bis das Projekt wenn nicht an Einsicht, so doch an Erschöpfung scheiterte.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Seine neue Gaunerkomödie «Die Bank-Räuber» tourt aktuell mit Beat Schlatter in der Hauptrolle durch die Deutschschweiz: www.diebankraeuber.ch. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» sowie «Mordgarten» sind im WOZ-Shop www.woz.ch/shop als Buch erhältlich.

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