Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Auf der Hut vor der Zensur

Der Ägypter Youssef Chahine war der bekannteste und eigenwilligste Regisseur des arabischen Kinos. Elf Jahre nach seinem Tod sind seine wichtigsten Filme in restaurierter Fassung neu zu entdecken.

Von Catherine Silberschmidt

Youssef Chahine (1925–2008)

Seinen ersten «wirklich ägyptischen» Film, wie er einmal sagte, realisierte er 1958, mit «Bab el hadid» («Hauptbahnhof»). Bis dahin hatte Youssef Chahine im Auftrag der prosperierenden ägyptischen Filmindustrie Musicals, Actionfilme und Melodramen gedreht. Sein Handwerk hatte er Ende der vierziger Jahre an einer Schauspielschule in Los Angeles erlernt.

In «Hauptbahnhof» spielte der Regisseur denn auch gleich die Hauptrolle: den liebestollen Zeitungsverkäufer Kenawi, der sich mit seinem Klumpfuss durch den riesigen Kairoer Bahnhof schleppt, auf der Suche nach der attraktiven Getränkeverkäuferin Hanuma (Hind Rostom). Als diese ihn hämisch zurückweist, versucht er, sie umzubringen, und wird schliesslich in die Irrenanstalt abgeführt. Die neorealistisch inspirierte Milieuschilderung des Bahnhofproletariats besticht mit schnellen Montagen, spektakulärer Lichtführung und der fantastischen physischen Präsenz der ProtagonistInnen. Der Film begründet damals Chahines Weltruf, doch beim Heimpublikum fällt er durch, denn auf der Leinwand will man keine «armen Krüppel» sehen.

Chronik über Korruption

Abfahrtsorte wie Bahnhöfe und Häfen sind ein wiederkehrendes Motiv in Chahines Werk, das innere und äussere Unterwegssein ist ein Hauptmerkmal seiner filmischen Welt. Die Bedeutung der Filme liegt nicht nur in ihrem formalen Reichtum jenseits von Genrezuschreibungen, sondern ebenso in Chahines Zeitzeugenschaft. In seinem Werk verdichtet sich die ägyptische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: von der Dekolonialisierung («Adieu Bonaparte», 1985) über Monarchie und Feudalismus («Die Erde», 1969, und «Der sechste Tag», 1986) bis hin zum arabischen Sozialismus zur Zeit des Kalten Krieges.

Der Sohn eines libanesischen Katholiken und einer griechisch-syrischen Mutter setzt sich in seinen Filmen auch intensiv mit Machtstrukturen und Machthabern auseinander. Als 1956 der Oberst Gamal Abdel Nasser zum Präsidenten gewählt wird, verliert das blühende multikulturelle und kosmopolitische Alexandria seinen Glanz und seine Bedeutung als mediterrane Metropole – aber Nasser verstaatlicht auch den von den Franzosen erbauten Suezkanal und verhilft mit seinem arabisch geprägten Sozialismus dem ägyptischen Kleinbürgertum zu neuem Selbstvertrauen.

Den grossen Einfluss dieses Regimes auf den ägyptischen Alltag thematisiert Chahine in seinem vielleicht politischsten Werk, «Der Spatz» (1972), in dem er auch die Auswirkungen von Nassers Rücktritt nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 reflektiert. Im Film versuchen ein Polizeioffizier und ein Journalist, ein Dorf von Korruption und Elend zu befreien. Mit dieser Kombination aus Film noir und dem engagierten Autorenkino jener Zeit reagiert Chahine auf den Schock, die Scham und die Wut in der Bevölkerung nach dem verlorenen Krieg gegen Israel – auch die TV-Ansprache von Nasser, der angesichts der militärischen Niederlage seinen Rücktritt anbietet, montiert er ein.

Nach dem Sechstagekrieg wollte Chahine Filme machen, «die den wirklichen Bedürfnissen der Gesellschaft entsprechen», wie er einmal sagte. In «Die Rückkehr des verlorenen Sohnes» (1976) nach dem gleichnamigen Roman von André Gide gelingt ihm die Politisierung einer biblischen Parabel – eine vielschichtige Chronik über Korruption, politischen Aufbruch und die Rivalität zwischen zwei Brüdern, versetzt mit dokumentarischen Aufnahmen von Nassers Begräbnis, das 1970 in Kairo Millionen Menschen auf die Strasse trieb. Auch in diesem politischen Film gibt es viel Musik: Chahine mischt Lieder und Tänze aus der arabischen Kultur mit amerikanisch inspirierten Music-Hall-Elementen, was zu einer radikalen narrativen Diskontinuität führt und auch an brechtsche Verfremdungsstrategien erinnert.

Glück für die Nachwelt

Mit «Alexandria, warum?» (1978) beginnt er damals auch seine autobiografische Tetralogie über seine Heimatstadt Alexandria, die ihn bis ans Ende seines Schaffens begleiten wird (die drei ersten Teile sind nun auch in der Retrospektive in Zürich, Bern und Basel zu sehen). Seit der Gründung seiner eigenen Produktionsgesellschaft im Jahr 1972 arbeitete er mit algerischen und französischen Koproduzenten, was ihm auch ermöglichte, die Negative seiner Filme ausserhalb Ägyptens aufbewahren zu können, zum Glück für die Nachwelt.

Youssef Chahine nahm sich viele Freiheiten und musste sich mit Verboten und Prozessen auseinandersetzen, aber weder die Zensur noch die Justiz konnten ihn an seiner leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit der komplexen ägyptisch-arabischen Realität hindern. «Er war immer auf der Hut vor der Zensur und hat sich nie unterkriegen lassen», erinnert sich sein Landsmann Yousri Nasrallah, der einst als Regieassistent von Chahine anfing.

Das Zürcher Filmpodium zeigt bis zum 28. Juni 2019 ein Dutzend Filme von Youssef Chahine. Ein Grossteil der Werkschau ist auch in Bern im Kino Rex und im Stadtkino Basel zu sehen.

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