Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Look Now für immer

Von Florian KellerMail an AutorIn

Wir sind mit ihr bis zum Mond geflogen und haben gesehen, dass alles aus Käse ist dort oben. Sie hat uns einst nach Island mitgenommen, wo wir campieren durften mit Roman Signer, und der Künstler stellte zwei grosse Lautsprecher vors Zelt, um die schlafende Lavalandschaft draussen mit seinem Schnarchen zu beschallen. Einmal waren wir mit ihr zu Besuch in einer freizügigen Kommune unter sehr haarigen schwedischen Hippies, die gerne mal unten ohne durchs Zimmer latschten. Und unlängst hat sie uns zu einer schmerzlich schönen Kur in Quiberon eingeladen, als Eskorte von Romy Schneider.

Sie, das ist Bea Cuttat, die als unabhängige Verleiherin über dreissig Jahre lang dafür sorgte, dass alle diese Filme zu uns in die Kinos fanden. «Look Now!», so hat sie ihren Einfraubetrieb getauft, angelehnt an Nicolas Roegs «Don’t Look Now». Ein ironischer Schaubefehl, weil sie natürlich selber wusste, dass man das Publikum nicht ins Kino beordern kann. So versuchte sie halt, uns mit bedingungsloser Hingabe anzustecken.

Jetzt aber läuft der Abspann. Man nennt es Ruhestand, auch wenn man sich eine Bea Cuttat so ruhig gar nicht vorstellen kann. Über 260 Filme hat sie ins Kino gebracht, von Matthias von Guntens «Reisen ins Landesinnere» (1988) bis zu «Nuestro Tiempo» von Carlos Reygadas, der nun den Katalog von Look Now abschliessen wird. Jeder einzelne war ein Herzensfilm von ihr, und eine ganze Menge von ihnen wurden auch mir zu Lieblingsfilmen. Wallace & Gromit und der böse Pinguin! Die abgründigen Tableaus von Roy Andersson, mit seinen Figuren, die immer aussehen wie lebendig verstaubt! Immer wieder Peter Liechti oder Christian Petzold! Und natürlich «Fucking Åmål», mit fast 100 000 Eintritten der erfolgreichste Film unterm Banner von Look Now.

«Om det oändliga» soll übrigens der neuste Film von Roy Andersson heissen, auf Deutsch etwa: «Vom Unendlichen». Weil aber halt doch nichts ohne Ende ist im Leben, fragen wir uns schon bang: Wer wird denn nun diesen neuen Andersson ins Kino bringen, wenn es Bea nicht mehr tut?

«Don’t Look Now» heisst auf Deutsch bekanntlich «Wenn die Gondeln Trauer tragen», aber das tut hier nichts zur Sache.

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