Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Die zügellose Dichterin

Von Silvia Süess

Als sie 1967 bei einem Autounfall ums Leben kam, war sie gerade mal 32 Jahre alt. Ihr Tod war eine nationale Tragödie, die Beerdigung wurde zur Zusammenkunft iranischer Intellektueller, und eine der wichtigsten iranischen Literaturzeitschriften schrieb: «(Sie) war wohl die erste weibliche Autorin der persischen Literatur, die in ihren Versen die Emotionen und die romantischen Gefühle des weiblichen Geschlechts beschrieb, mit unverwechselbarer Freimütigkeit und Eleganz. Man kann daher sagen, dass sie ein neues Kapitel der persischen Literatur eröffnet hat.»

Furore hatte die 1935 in Teheran Geborene bereits mit zwanzig Jahren mit ihrem Gedicht «Die Sünderin» gemacht, das 1955 in ihrem ersten Gedichtband erschien: «Gesündigt habe ich, gesündigt voller Lust / In einer Umarmung, die warm und brennend war / Gesündigt habe ich, umschlossen von Armen / so heiss und stark und fest wie Eisen». Da war sie bereits geschieden, Mutter eines kleinen Jungen, den sie nicht sehen durfte, weil sie als Frau die Scheidung beantragt hatte. Und sie hatte nach einem Nervenzusammenbruch einige Zeit in einer Klinik verbracht.

Kurz nach Veröffentlichung des Gedichtbands reiste sie nach Italien, wo sie Film und Kunst studierte. Während eines Aufenthalts in München lernte sie Deutsch und übersetzte eine Anthologie deutscher Gedichte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Persische.

Zurück im Iran wurde sie Assistentin eines älteren, verheirateten Filmemachers – sowie seine Geliebte, ein weiterer Skandal. Sie realisierte mehrere Dokumentarfilme, mit einem gewann sie 1963 den Preis für den besten Dokumentarfilm in Oberhausen. Ausserdem adoptierte sie einen Jungen, den sie beim Dreh kennengelernt hatte. Sie liebte, wen sie wollte, schrieb darüber und publizierte in ihrem Leben vier Gedichtbände, die grossen Anklang fanden. Nach der Islamischen Revolution 1979 waren ihre Bücher während gut zehn Jahren verboten, doch ist sie im Land der Dichtkunst für viele bis heute eine Art Nationalheilige.

Wer war die zügellose Dichterin, die zwar als erste Frau im Iran über Liebe, Sehnsucht und körperliches Begehren schrieb, jedoch sagte: «Was zählt, ist die Menschlichkeit und nicht das Frau- oder Mannsein. Wenn ein Gedicht an diesen Punkt kommt, wird es nicht mehr mit seinem Dichter oder seiner Dichterin in Verbindung gebracht, sondern mit der Welt der Poesie»?

Wir suchten nach der Dichterin und Filmemacherin Forugh Farrokhzad. Sie gilt noch heute als bedeutendste Lyrikerin des Iran. Ihr grosses literarisches Vorbild war Nima Youschidsch (1895–1960), der als Vater der modernen persischen Lyrik gilt.

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