Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Tamedia bi de Lüt

Von Florian Keller

Eigentlich könnte man Michael Steiner gratulieren. Netflix, das grösste Gemischtwarenkino der Welt, hat jüngst seinen «Wolkenbruch» gekauft. Nice. Trotzdem ist der Mann grad nicht zu beneiden. Ich meine, sein «Missen-Massaker» war damals zwar ein schlechter Film, kann mal passieren – aber der Titel bleibt super. Und jetzt? «Switzerländers»! Verdammt, Michi, da muss dein Film irrsinnig gut werden, damit man vergisst, wie bescheuert der Titel ist.

Ein «Kulturprojekt von Tamedia», so wird dieses Jekami beworben. Jede und jeder darf irgendwas Selbstgefilmtes einschicken, und der «Starregisseur Michael Steiner» muss aus dem Ganzen dann einen Kinofilm schneiden. Handyvideos sichten ohne Ende? Klingt nach Folter. Es soll ein Film werden, «der unser Land im Hier und Jetzt zeigt», so hat Steiner im «Tages-Anzeiger» erklärt. Dort zählt er auch auf, wie er sich die Schweiz «im Hier und Jetzt» so vorstellt: «Die Geburt eines Kindes, das Durcheinander auf dem Pausenplatz, einen Tag in der Schoggifabrik, einen Alpaufzug, Ihr Hobby, den Kirchenchor, Lokalpolitik, das Dorffest – einfach alles, was in unserem Land Tag für Tag läuft.» Schoggifabrik, Alpaufzug, Dorffest: Das wäre ungefähr das, was jedem dahergelaufenen Touristen auch einfallen würde zur Schweiz.

Und wer für den Regisseur offenbar nicht zur Schweiz gehört, macht er schon in der Anrede deutlich: «Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger», heisst es da. Klingt ja voll magistral: Michi Steiner, der Staatsmann! Da sind sogar die Frauen nicht einfach nur mitgemeint. Blöd nur, dass in der Anrede trotzdem gut ein Drittel der Bevölkerung einfach vergessen ging. Halt die über drei Millionen Menschen ohne Bürgerrecht in der Schweiz: die Expats und Asylbewerberinnen, die Saisonniers, die Schwarzarbeiter und die Touristinnen.

Schon klar, die sind wohl auch mitgemeint. Aber wenn wir dieses Projekt jetzt als Gutachter beurteilen müssten, würden wir sagen: «Zur Überarbeitung zurückgestellt.» Man könnte beim Titel anfangen.

«Mach mir den Tarantino», wünscht sich Steiner per Inserat. Ob die Sponsoren wie Coop oder SBB ein Remake von «Kill Bill» goutieren würden?

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