Nr. 28/2019 vom 11.07.2019

Sport zum Steinerweichen

Von Daniela Janser

Und plötzlich lag ein Aufbruch in der Luft. Selbst Menschen, die Fussball früher nicht mit dem Stecklein angerührt hätten, sassen charmiert vor dem Fernseher. Erstaunlich, was es auslösen kann, wenn eine Männerdomäne flächendeckend von Frauen geentert wird: von Spielerinnen, Trainerinnen, Schiedsrichterinnen, Sanitäterinnen, Zuschauerinnen – und von den strahlenden «Einlauf»-Mädchen, denen vor Bewunderung fast die Augen übergingen, wenn sie zu ihren Idolen hochschauten. Ein Stein, wer da nicht weich wurde.

Alle waren ein bisschen verliebt in die unbestrittene Heldin dieser WM, Megan Rapinoe. Nicht zuletzt diejenigen, die ihre Tweets mit «Ich bin heterosexuell, aber» anfingen. Andere nannten sie die Tilda Swinton des Fussballs. Im Gegensatz zu den oft hirnerweicht wirkenden «Ballkünstlern» des Männerfussballs, – ja, du, Ronaldo! – macht Rapinoe auch neben dem Rasen eine gute Figur. Nicht nur, als sie sich mit ihrer Freundin, der Basketballspielerin Sue Bird, zwar nackt, aber eben nicht als Sexobjekt für ein Sportmagazin fotografieren liess.

2016 beugte sie als erste weisse Athletin das Knie zur Nationalhymne, ein Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt. Bis heute singt sie bei der Hymne nicht mit. An Pressekonferenzen fährt sie Gianni Infantino und der Fifa frontal an den Karren, weil Prämien und Bezahlung im Frauenfussball verglichen mit den Männern lächerlich klein sind und es an Respekt mangle. Auch mit Trump legt sie sich an: Sie werde sicher nicht ins «fucking White House» gehen. Dieser Präsident sei gegen so vieles, wofür sie (ein)stehe. Man werde ihm keine Plattform bieten.

Männliche Sportler weichen politischen Fragen oft aus: Sie wollten sich «nicht ablenken» lassen, sagen sie. Rapinoe zeigt ihnen mit links, dass Sport und Politik prima harmonieren: Die US-Frauen wurden gerade zum vierten Mal Weltmeisterinnen, und Rapinoe gewann den Pokal als beste Spielerin. So geht das.

Derweil ein Vater auf Twitter: «Mein Vierjähriger: ‹Können Jungs auch Fussball spielen?›»

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