Nr. 28/2019 vom 11.07.2019

Ich bin voll quitt!

Ruedi Widmer über kleine Wünsche, Reissgeräusche und den toten Winkel

Von Ruedi Widmer

Als ich in einem Restaurant mit der Karte bezahlen wollte, der Kellner mit dem Tischkreditkartenbezahlgerät ankam und am Schluss die Quittungen abriss, merkte ich, dass ich Lust hätte, auch mal Quittungen abzureissen. Ich denke ansonsten nie daran, aber in diesem Moment zwischen dem Fingerdruck des Kellners auf die grüne Taste, dem hervorratternden Zettel und der Abreissbewegung kommt immer dieser Wunsch auf.

Da es einem Kind zu ähnlich wäre, mich bemerkbar zu machen und das Personal zu fragen, ob ich einmal den Zettel abreissen dürfe, kommt ein spontanes Ausüben bei dieser Gelegenheit nicht infrage. Es würde mir vielleicht leichter fallen, mich bei der Fernsehsendung von Röbi Koller zu melden. «Happy Day» erfüllt die Wünsche der ZuschauerInnen. Ich dürfte dann bei ganz verschiedenen Geräten und in unterschiedlichen Geschäften einen Tag lang die Quittungen abreissen. Lange Quittungen, kurze Quittungen, verschiedene Papierstärken und Oberflächen. Ein Filmteam würde mich begleiten. Schliesslich müsste ich im Studio über diese wunderbare Wunscherfüllung sprechen. Aber so was macht man nicht einfach mit links, das wäre noch viel peinlicher, mich vor der ganzen Fernsehnation als Quittungsabreissfetischist zu outen.

Schnell gilt man in der Schweiz nach einem Fernsehauftritt überdies als Fachperson, und dann würde ich von JournalistInnen angerufen bei Fragen zu bargeldlosem Bezahlen oder Trinkgeldverhalten. Keinesfalls würde man mit mir über die ungleich wichtigeren Aspekte der Sache sprechen: über die Haptik des Quittungspapiers, das Reissgeräusch und das Reissgefühl.

In diesem Moment merke ich, dass der Wunsch so gross doch auch wieder nicht ist und ich ohne gesundheitliche Folgen auch ohne Quittungsreissen weiterleben kann. Es ist also nur ein mittelgrosser oder vielleicht gar nur ein kleiner Wunsch, um den viel Aufhebens gar nicht zu machen ist. Ich könnte sonst auch im Restaurant das Gerät an mich nehmen und damit unter dem Tisch versteckt Quittungen ausdrucken. Ich müsste halt immer kleine Beträge von meiner Kreditkarte abziehen, «ok» drücken und dann printen. Das Personal sähe in mir in diesem Fall einen Betrüger und würde wohl die Polizei rufen.

Ich glaube, mich mit der Stadtpolizei Winterthur aber einvernehmlich einigen zu können. Immerhin hat sie gerade eine Plakatkampagne am Laufen, die über den toten Winkel aufklärt – und dann auch noch für eine Polizei unüblich vom tollen deutschen Gagaillustrator Yeye Weller gezeichnet. Ich fand das so cool, dass ich das Plakat sogar auf der Facebook-Präsenz der Stadtpolizei likte.

Es gab in Winterthur am Graben früher ein Restaurant, das Silberner Winkel hiess. Meine Grossmutter ging manchmal mit mir als Bub da rein. Es hatte wirklich silbernes Geschirr, und es sassen Leute drin, die die Silberne Hochzeit schon vergessen hatten, weil sie eben erst die Diamantene gefeiert hatten. Würde es dieses Restaurant noch geben, hiesse es Toter Winkel.

Ein ähnliches Bedürfnis, eine Nichtigkeit auch mal tun zu dürfen, hatte ich, als man internationale Bahnreisen noch im Bahnreisebüro am Bahnhof und nicht im Internet buchte. Denn nach dem Ausdrucken der Tickets unterstrichen die SBB-Schalterleute beim verbalen Repetieren des Reiseablaufs die Abfahrtszeiten auf den ausgedruckten Tickets mit ihrem Kugelschreiber oder mit dem Stabilo-Leuchtstift. Manchmal umkreisten sie, husch, husch, wichtige Informationen oder zeichneten auf einem Stadtplan den Standort des Hotels ein. Dabei sassen sie natürlich verkehrt vor den Unterlagen und zeichneten auf dem Kopf. Mit dem Kugelschreiber ganz lässig frisch ausgedrucktes Ticketpapier zu verschreiben, das noch warm ist! Ich bräuchte wenig, um kurzzeitig glücklich zu sein – und ebenso wenig, um als völlig bekloppt zu gelten.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur. Sein Geschäft ist leider nicht mit einem Kreditkartenbezahlgerät ausgerüstet. Er sieht aber gerade auf dem Internet, dass solche Kartenterminals schon ab Fr. 25.– erhältlich sind.

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