Der Wartsaal : Im Rhythmus des Wartens

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Wer am Bahnhof mehr als fünf Minuten zu überbrücken hat, trinkt schnell einen Kaffee oder geht einkaufen. Gibt es sie noch, die Menschen, die einfach sitzen und warten, gibt es überhaupt noch Wartsäle?

Orange Schalensitze, kahle Wände, Neonlicht - der Berner Wartsaal hat den Charme eines Luftschutzkellers. In die Enge getrieben von Shops und Snackbars, liegt er versteckt im Bauch des Bahnhofs, im unterirdischen Gang zu den Geleisen: ein Relikt aus vergangenen Zeiten, der tote Winkel im Konsumtempel. Wäre da nicht die Glasfront bei der Eingangstür, man würde Platzangst kriegen. Und doch bleiben einzelne Menschen sitzen. Schauen, wie die mit Koffern und Einkaufstaschen beladenen Bahnreisenden am Wartsaal vorbeieilen, lauschen dem Lärm des pulsierenden Bahnhofs, der hier nur gedämpft ans Ohr dringt. Es ist, als habe man der Hektik unserer Zeit ein Schnippchen geschlagen. Hier herrscht ein anderer Rhythmus - der Rhythmus des Wartens.

Warten? Dazu gibt es doch heute gar keinen Anlass mehr. Mit der Bahn 2000 haben die SBB die Umsteigezeiten auf ein Minimum reduziert. Und sollte sich trotz Verdichtung des Fahrplans eine Zeitlücke öffnen, dann steht den BahnkundInnen in den Grossbahnhöfen (Bern, Basel, Luzern, Zürich, Winterthur, Lausanne, Genf) das Angebot von RailCity zur Verfügung, dem laut SBB grössten Einkaufs- und Dienstleistungszentrum der Schweiz. Ein Blick in den Berner Wartsaal zeigt jedoch: Trotz Bahn 2000 und RailCity sind die orangen Schalensitze gut besetzt, insbesondere von älteren und ausländischen PendlerInnen. Haben diese Menschen nichts Besseres zu tun? Weshalb sind sie nicht am Shoppen oder suchen sich wenigstens einen gemütlicheren Platz in einem Café? «Ich setze mich in meinem Alter doch nicht alleine in ein Restaurant», empört sich eine Dame mit goldumrahmter Brille und getöntem Haar, die mit dem Kaffeebecher in der Hand auf den Zug nach Kehrsatz wartet. «Und was soll ich mich in den Läden herumdrücken, da geht man doch nur hin, wenn man etwas braucht.» Auch Debra zieht den Wartsaal der Beiz vor. «Es ist zu teuer», sagt die Schülerin aus Burgdorf und knabbert an ihren Pommes frites von McDonald’s. Aber ist warten nicht langweilig? «Für mich ist es gewonnene Zeit - hier kann ich in Ruhe Aufgaben machen, lesen, essen oder mich einfach ausruhen.» Auch die alte Dame sieht das Warten positiv. «Ich beobachte die Leute, denke mir Geschichten aus, überlege, was könnte der Herr oder die Dame dort von Beruf sein.» Sie wirft einen Blick durch die Glasscheibe auf das Gedränge: «Die Menschen sind heute so ungeduldig, sie haben keine Zeit mehr zum Warten - dabei liegt der Reiz doch gerade in der Langsamkeit», sagt sie, wirft den leeren Pappbecher in den Abfalleimer, öffnet die Tür des Wartsaals und verschwindet im Strom der PassantInnen.

Umsatz statt Vandalismus

Doch wie lange vermag der Berner Wartsaal den Lockrufen der Kommerzialisierung noch zu trotzen? «Seitens der SBB besteht nicht die Absicht, die Wartsäle abzuschaffen. Sie werden einfach den aktuellen Bedürfnissen angepasst», sagt Jean-Louis Scherz, Pressesprecher der SBB. «Wir überlegen uns im Moment, wie der Wartsaal in den sieben RailCity-Bahnhöfen in Zukunft aussehen soll. Klar ist, es wird nach wie vor eine Wartemöglichkeit ohne Konsumationszwang geben.»

Während die Zukunft der Wartsäle in den Grossbahnhöfen noch ungewiss scheint, ist das Schicksal der kleinen Brüder in den Regionalbahnhöfen bereits besiegelt: Umgenutzt, zweckentfremdet, abgebrochen - wenn sie nicht wegen Vandalismus geschlossen wurden, haben Kommerzialisierung und Automatisierung sie verdrängt. Grund dafür ist insbesondere das «Bahnhofsterben»: Begonnen hat die Entwicklung mit der Einführung der Billettautomaten Mitte der achtziger Jahre. In der letzten Zeit fielen zudem zahlreiche Bahnhöfe der Fernsteuerung der Stellwerktechnik zum Opfer. Von den insgesamt 780 Bahnhöfen und Bahnstationen verfügen heute nur noch rund 300 über einen persönlichen Billettverkauf. Little Big Shopping heisst das Zauberwort, mit dem die SBB die verwaisten Bahnhöfe vor der Verwahrlosung retten wollen. Dank den Avec-Convenienceshops, «welche die Bedürfnisse moderner Menschen an 365 Tagen im Jahr abdecken», soll den kleineren Bahnhöfen wieder neues Leben eingehaucht werden. Die Cevanova AG, eine gemeinsame Gesellschaft von SBB, Migros und Valora AG, will deshalb bis 2006 rund 40 Bahnhöfe «zu weit mehr ausbauen, als sie bis zu diesem Zeitpunkt sind». Die Folge: Vor lauter Lebensmittel-, Zeitschriften- und Barregalen findet man den Billettschalter nicht mehr. Und warten kann hier nur, wer konsumiert. «Es ist immer schwierig, eine Grenze zwischen volkswirtschaftlichem Auftrag und betriebswirtschaftlichem Denken zu ziehen», sagt Markus Laenzlinger, Geschäftsführer der Cevanova AG. «Doch in Bezug auf das Portefeuille der SBB beziehungsweise der Confédération müssen die Bahnhöfe heute wirtschaftlicher und effizienter gestaltet werden.» Mit den 1999 eingeführten Avec-Läden, die 2004 rund 100 Millionen Franken Umsatz erzielten, wollen die SBB zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: aus ihren Grundstücken Rendite erzielen und das Vandalismus- und Sicherheitsproblem entschärfen. Doch wie beispielsweise beim Avec-Shop in La Neuveville zu sehen ist, sind auch diese Scheiben nicht vandalismusresistent: Im Glas der Eingangstür bilden zwei Einwurflöcher eisblumenartige Muster.

Discokugel statt Billettschalter

La Neuveville, das Weinstädtchen am Bielersee, ist einer der bisher 27 Avec-Standorte. Der moderne Einkaufspavillon wurde gleich neben den Bahnhof gestellt. «Angesichts der Denkmalpflegeauflagen hätte es sich nicht rentiert, avec in den Bahnhof einzubeziehen», so Markus Laenzlinger. Und doch: Das eigentliche, 1864 erbaute Bahnhofsgebäude ist innen nicht mehr das, was es früher war. Aber hier zeigt sich, wie Altes umgenutzt werden kann, um neuen Bedürfnissen gerecht zu werden: Das denkmalgeschützte Stationsgebäude, das mehrere Jahre leer stand, kaufte schliesslich die Gemeinde und wandelte es in ein Jugendzentrum um. Betritt man die ehemalige Schalterhalle, ertönt Popmusik aus den Lautsprechern, an der Bar und auf den Sofas unter der silbrigen Discokugel sitzen Jugendliche mit Chips und Cola. Auch der Wartsaal ist zu neuem Leben erwacht: Auf der langgezogenen Holzbank schaut ein eng umschlungenes Pärchen zwei Jungs mit lässig aufgesetzten Caps und weissen Turnschuhen zu, wie sie konzentriert ihre Queues auf die Billardkugeln ansetzen - wobei sie sich auch von den vorbeiratternden Schnellzügen keinesfalls aus der Ruhe bringen lassen. Etwas ist erstaunlich: Ausser dem Kunstwerk des Sprayers Nicolas, auf dem er die BesucherInnen einer Hip-Hop-Party in Szene setzt, ist kein Graffiti zu sehen. Das war nicht immer so, sagt der Sozial- und Jugendarbeiter Martin Keller. «Als der Wartsaal noch in Betrieb war, sah es hier aus wie in der Bronx.»

Wie in La Neuveville erleben zurzeit auch andere Wartsäle eine kulturelle Renaissance: So befindet sich im Wartsaal des ehemaligen Bahnhofs Baden Oberstadt - das heisst im ganzen Parterre - heute die Galerie Anixis. Das Galeristen-Ehepaar Hanni und George Malcotsis, die das ausrangierte Bahnhofsgebäude aus dem Jahr 1878 vor rund zwei Jahren gekauft und in liebevoller und langwieriger Arbeit neu renoviert haben, wollen mit ihrer Galerie die Tür für internationale - insbesondere osteuropäische - Kunst öffnen. Und auch im ehemaligen Bahnhof Affoltern in Zürich, wo sich der Verein KuBaA (Kulturbahnhof Affoltern) ans Werk gemacht hat, sind die Räumlichkeiten kaum wiederzuerkennen: Hier wurde der Wartsaal in eine Bar umfunktioniert, in einen Kulturtreff, wo auch Lesungen und Konzerte stattfinden.

Exklusive Sorgenkinder

Auf der Website der SBB (www.sbb.ch), einer der grössten Immobilienbesitzerinnen der Schweiz, wartet noch eine ganze Reihe der Sorgenkinder darauf, neu entdeckt zu werden. Haben Sie vielleicht noch Bedarf an einem Wartsaal? «Wartsaal im Bahnhof Berlingen zu vermieten, geeignet für Büro oder Hobby-/Bastelraum». Oder suchen Sie ein exklusives Einfamilienhaus in Leibstadt - Warteraum inklusive? «Zu verkaufen: Bahnhofsgebäude mit Sicht auf den Rhein».

Einer, der sich den Traum vom eigenen Bahnhof erfüllt hat, ist der Kunstmaler Werner Marxer. Seit rund zweieinhalb Jahren wohnt und arbeitet er im ehemaligen Bahnhof von Lütisburg. Marxer, der auf die SBB-Immobilie aufmerksam wurde, als er im Internet eine Fahrplanauskunft einholen wollte, ist von der Atmosphäre des alten Stationsgebäudes begeistert: «Dieses Haus könnte viele Geschichten erzählen.» Im einstigen Schalterraum hat er ein Atelier eingerichtet, und im Warteraum lagern seine Kunstwerke, die im virtuellen «Arteraum» (www.arteraum.ch) besichtigt werden können.

Blickt man durch das Fenster hinaus auf den Perron, so sieht man: Die Institution Wartsaal ist nicht ganz verschwunden, sie hat nur ein neues Gesicht erhalten. Heute setzen die SBB auf Glaswartehallen, so auch beim Projekt RV05, bei dem bis 2015 rund 620 Regionalbahnhöfe mit einem Budget von rund 330 Millionen Franken modernisiert werden sollen. «Der Reisende ist so schon vor Ort, und durch die Transparenz wird Sicherheit geschaffen», so Jean-Louis Scherz von den SBB. Effizienz und Sicherheit, dafür steht die neue Generation von Wartsälen. Im Glas des nüchternen Baus widerspiegelt sich der Zeitgeist unserer Gesellschaft.

Die erste SBB-Normwartehalle, eine Betonkonstruktion mit Polyester und Verbundglas, wurde vor mehr als zwanzig Jahren in Thun aufgestellt. «Visuell vermittelt die Konstruktion ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit», heisst es im SBB-Nachrichtenblatt von 1983. Mit dem Ziel, den Komfort und das Erscheinungsbild der Publikumsanlagen zu verbessern, hatten die SBB 1977 einen Designwettbewerb für «Bahnhofmobiliar» ausgeschrieben. Fachleute und Produzenten mit Sitz in der Schweiz erhielten Gelegenheit, «als Ersatz bisheriger Vielfalt gefällige kundenfreundliche Einrichtungen» vorzuschlagen, deren Elemente sich «serienmässig und darum günstiger» anfertigen liessen.

Zeitfreie Zonen

«Ich gehe dort nur ungern hinein», sagt die 86-jährige Malerin und Zeichnerin Hanny Fries, «da überkommt mich sofort das Heimweh.» Für Fries, die mit Vorliebe alltägliche Motive wählt, war der Wartsaal wie ein zweites Atelier. «Ich muss mich als ‹Wartsaalhockerin› erst noch an den neuen Fahrplan gewöhnen», sagt sie, holt ihre Zeichnungsmappe hervor und breitet auf dem weissen Tischtuch des Zürcher Restaurants Kronenhalle eine ganze Reihe von Bildern aus. «Hier, der Oerliker Wartsaal mit dem braungoldenen Ton, den hohen Bogenfenstern und der kunstvollen Schreinerarbeit. Und da die beiden Wartsäle in Stadelhofen, der grünliche Raucher mit dem Linoleumboden und der Nichtraucher mit den wunderbaren Säulen und dem ramponierten Parkettbelag.» Alle drei Wartehallen in den beiden Zürcher Bahnhöfen gibt es so nicht mehr - derjenige in Stadelhofen wurde im Zuge des Umbaus ganz abgebrochen, der in Oerlikon in ein SBB-Reisebüro umgewandelt. Amüsiert erzählt Hanny Fries, wie sie früher trotz der strengen Verbotstafeln ohne Ticket im Wartsaal sass und die Wartenden und Wärmesuchenden zeichnete, die Clochards, die Schlafenden, die Picknickenden. Fries sieht sich nicht als Nostalgikerin, doch: «Es ist schon ein Verlust, die Stimmung im Wartsaal ist unwiederbringlich dahin - und man ist ja immer etwas angetan vom Unwiederbringlichen.» Sie legt ein Bild von einem Mann mit tief ins Gesicht gezogenem Hut auf den Tisch, der mit lang ausgestreckten Beinen auf der Wartsaalbank schläft. «Diese Figuren gibt es immer noch, nur müssen sie ihr Bier jetzt woanders trinken.» Wo sind sie geblieben, die ehrwürdigen Wartsäle, wie sie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden sind? Die grosszügigen Hallen, die einst im Mittelpunkt der Bahnhofkomplexe standen und den Reisenden selbst in der III. Klasse ein gediegenes Ambiente boten, beispielsweise im Zürcher Hauptbahnhof, wo sich heute das Café Les Arcades befindet. Ist es endgültig vorbei mit der Wartsaalpoesie? Nein, es gibt zum Beispiel noch einen in Biel, der Uhrenmetropole. Wer in diesem prächtigen Wartsaal sitzt, kann stundenlang die Fresken des Bieler Malers und Theologen Philippe Robert (1881-1930) studieren, die monumentalen, leicht bekleideten Figuren in mediterraner Umgebung betrachten. Trotz Videokamera, die fest im Visier hat, wer auf der Holzbank sitzt, lässt sich hier prima über das Zeitliche sinnieren - inspiriert von den Wandgemälden, die die verschiedenen Grössenordnungen der Zeit darstellen: die Stunden, die Jahreszeiten, die Lebensabschnitte und die Ewigkeit. Hier geht es nicht darum, die Minuten zu zählen. Einzig eine kleine Wanduhr erinnert die Beobachterin daran, dass sie sich in einem Bahnhof befindet. In dieser Oase der Ruhe lässt auch nichts darauf schliessen, dass der Maler bei diesem Kunstwerk selbst mit der Zeit zu kämpfen hatte. Robert hatte sich nämlich bei seinem Auftraggeber, der Eidgenossenschaft, durchgesetzt, alle vier Wände anstatt wie zu Beginn vorgesehen nur die eine zu gestalten. Das Problem: Es blieb ihm von der Auftragserteilung bis zur Eröffnung des neuen Bieler Bahnhofs am 28. Mai 1923 nur eine Frist von sechs Wochen. Am Ende dieser Zeit wurden die Gerüste entfernt, obwohl der Künstler mit seinem Werk noch nicht fertig war. Und Robert, der von morgens früh bis abends spät arbeitete, fiel von der Leiter und musste hospitalisiert werden.

Von der Freske «Die Ewigkeit» aus schweift der Blick am Rücken der darauf abgebildeten Frau vorbei und folgt deren Blick auf die Weite des Wassers hinaus. «Fermé», ruft ein Putzangestellter mit dem Schlüsselbund in der Hand und holt die Wartenden wieder in die Realität zurück.