Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Demokratisch organisiert und trotzdem erfolgreich? Als Reaktion auf überbordende Kommerzialisierung oder gar Bankrott haben Fans vielerorts eigene Fussballvereine gegründet. Doch nach der Anfangseuphorie wirds kompliziert.

Von Nicole Selmer

Wenn Fans Hand anlegen: Selbstgebaute Tribüne des Grazer AK. Foto: Michael Hierzmann, GAK 1902

«Football is for you and me, not for fucking industry», lautet eine unter Fussballfans beliebte Parole. Sie entstammt der Verzweiflung darüber, dass sich der Fussball dem Zugriff der Fans tatsächlich immer stärker entzieht und vielfach längst eine Industrie ist.

Zwar werden Profiklubs in Ländern wie Deutschland und Österreich als eingetragene Vereine geführt, sind nominell also unter Kontrolle ihrer Mitglieder. Doch in der Realität wiegen die Millionen der Sponsoren meist schwerer als die Wünsche der Fans. In England war es nie anders: Dort haben reiche Männer oder Firmen als Eigentümer der Klubs Tradition. So überrascht es kaum, dass sich gerade dort um die Jahrtausendwende eine Gegenbewegung formierte: Fanvereine, die von ihren Mitgliedern demokratisch geführt werden.

Mit dem AFC Wimbledon und dem FC United of Manchester wurden 2002 beziehungsweise 2005 die bis heute bekanntesten Fanvereine gegründet – beide aus Protest. Die Führung des ehemaligen FC Wimbledon wollte nicht nur den Klubnamen ändern, sondern den Klub gleich noch in eine andere Stadt verlegen; und bei Manchester United ging es vor allem noch ums Geldverdienen. So gründeten die Fans ihre eigenen Vereine, für die im Englischen auch die Bezeichnung «phoenix club» gebräuchlich ist – Klubs, die wie der mythische Vogel aus der Asche aufsteigen. In Europa gibt es bereits weit über hundert solche Vereine.

Zurück bleiben die Fans

Der Hauptgrund für die Entstehung von Fanvereinen ist jedoch meist ein anderer als ideelle Differenzen mit den Besitzern. Denn allzu oft verschlingt das Feuer der Kommerzialisierung, das den Fussball spätestens seit den neunziger Jahren erfasst hat, die ursprünglichen Klubs selbst – sie gehen schlicht bankrott. Zurück bleiben die Fans.

Ein gutes Beispiel ist die bewegte Geschichte des Grazer Athletiksport-Klubs (GAK). 2004 wurde der GAK unter Trainer Walter Schachner österreichischer Meister, im August des folgenden Jahres siegte er in der Qualifikation für die Champions League sogar 1 : 0 an einer der grössten Adressen des internationalen Fussballs: an der Anfield Road gegen den Liverpool FC. In den Jahren darauf wendete sich das Blatt: vier Konkurse, Zwangsabstiege und im Oktober 2012 schliesslich die Einstellung des Spielbetriebs. Die juristischen Umstände des finanziellen Ruins füllen Regalmeter der Staatsanwaltschaften in Graz und Wien, ermittelt wird unter anderem gegen frühere Funktionäre.

Die für den Bankrott Verantwortlichen waren 2012 längst verschwunden, doch die Fans – und einige Spieler – gründeten den Verein neu. Im August 2013 startete der GAK ganz unten, in der 1. Klasse Mitte A, Trainer war Gernot Plassnegger, ehemaliger Profi des Klubs. «Schon bei der Vereinsgründung waren vom VIP-Klubgeher bis zum Kurvensteher alle Schichten vertreten», sagte Matthias Dielacher, der heutige Klubmanager, 2016 im Gespräch mit dem Fussballmagazin «ballesterer». Sportlich ging es zunächst nur aufwärts, bis es vor wenigen Wochen dann so weit war: Vor 1300 ZuschauerInnen siegte der GAK 2 : 1 bei Union Vöcklamarkt und fixierte den Aufstieg aus der Regionalliga Mitte in die zweite Liga. Damit ist der Klub, der schon ganz oben und ganz unten war, zurück im Profibetrieb.

Der einstige Herzensverein

Auf die Fans und ihr ehrenamtliches Engagement hat der Grazer AK seine neue Geschichte gebaut, die aber immer auch mit der alten zusammenhängt. Dies gilt in doppelter Hinsicht: Die Erinnerungen an die Vergangenheit stiften Identität und Zusammenhalt, schüren aber auch Misstrauen. Die eigene Historie versteht der Klub als Mahnung zur Bescheidenheit – und zur Transparenz. Das Budget liegt offen: Es wird beim Sprung in die zweite Liga von 900 000 auf 1,7 Millionen Euro erhöht. Das Stadion, in dem der GAK einst Liverpool empfing, ist längst die alleinige Spielstätte des Stadtrivalen SK Sturm Graz. Zum neuen Zuhause wurde die frühere Trainingsstätte Weinzödl, die 2014 von den Fans eigenhändig ausgebaut wurde. Die Kapazität liegt derzeit bei 2500 ZuschauerInnen, über einen weiteren Ausbau wird derzeit mit der Stadt gerungen.

Die Geschichte des GAK ist für einen von der Basis gegründeten Klub nicht untypisch. Viele Fanvereine erleben zunächst schnelle sportliche Erfolge und grossen Zuspruch von den ZuschauerInnen, bevor die Probleme beginnen. 2015 gelang auch Austria Salzburg, die aus der Fanszene heraus gegründet worden und in der untersten Spielklasse gestartet war, der Aufstieg in die zweite Liga. Der einstige Herzensverein der Salzburger Fans existierte zwar noch, doch er hatte Besitzer, Wappen und Farben gewechselt und hiess nun Red Bull Salzburg – ein No-Go für die Fans, die 2005 unter dem alten Namen SV Austria Salzburg einen neuen Klub gründeten.

Austria Salzburg gelangen mehrere Aufstiege in Folge, ein Erfolg, der auf dem Engagement, der Liebe und nicht zuletzt der finanziellen Unterstützung der Fans beruhte. Doch der Klub hatte sich bei der ersehnten Rückkehr in den Profibetrieb übernommen, musste bereits ein halbes Jahr später ein Insolvenzverfahren einleiten und stieg schliesslich bis in die viertklassige Salzburger Liga ab. In der kommenden Saison wird Austria Salzburg wieder in der Regionalliga Ost spielen – auch dank der nicht nachlassenden Bereitschaft der Fans, Zeit und Geld in den Klub zu investieren.

Die deutsche Journalistin Alina Schwermer, die in ihrem Buch «Wir sind der Verein» mehrere Fanvereine porträtiert, beschreibt diese Dynamik in einem Interview wie folgt: «Das meiste Geld stammt von den Anhängern, und ab einem gewissen Punkt wird es sehr schwierig, wirtschaftlich konkurrenzfähig zu bleiben. Die Herausforderung besteht darin, den Erfolgsdruck zu dämpfen. Am Anfang stehen meist viele Aufstiege, weil das Modell durch das grosse Engagement sehr erfolgreich ist. Aber irgendwann kommt der Turning Point, und du bist der Verein mit dem kleinsten Budget, der am härtesten kämpfen muss.»

Der GAK wird in der zweiten österreichischen Liga mit seinem Budget etwa im Mittelfeld liegen. Ein Kandidat für den Aufstieg ist er mit den weiterhin stark ehrenamtlich getragenen Strukturen nicht. Fans und Mannschaft werden sich an Niederlagen gewöhnen müssen. Insofern ist es verständlich, dass der Klub auf seiner Facebook-Seite noch einmal auf das Erreichte zurückschaut: «Diese letzten Spiele im Unterhaus, bevor wir in die 2. Liga starten, fühlen sich irgendwie wirklich wie das Ende eines langen, schönen Sommers an.»

Nicole Selmer ist stellvertretende Chefredaktorin des österreichischen Fussballmagazins «ballesterer».

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