Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Das Fanmärchen aus Salzburg

Nachdem ihnen ihr Heimverein Austria Salzburg vom Milliardenkonzern Red Bull geraubt wurde, gründeten die unzufriedenen Fans den Verein in der untersten Liga neu. Nun steht der Klub kurz davor, in den Profifussball zurückzukehren. Obwohl die Geschichte nach einer Bilderbucherzählung über den Kampf gegen Kommerz klingt, will sich Austria Salzburg nicht schubladisieren lassen.

Von Etrit Hasler (Text) und Andreas Bodmer (Fotos)

Es ist ein gemütlicher, kleiner Fussballplatz in Höchst, an dem wir uns an diesem Ostermontag einfinden – ein typischer Provinzplatz in diesem vorarlbergischen Vorort von St. Margrethen. Eine Frau in Vereinsjacke putzt die Holztische ab, an denen ein paar junge Helfer herumlümmeln. Ein paar von ihnen wirken so, als stecke ihnen noch der Kater vom Vorabend in den Knochen. Die Frau scherzt: «Na, Jungs, wenn jeder noch ein Bier trinkt vor dem Spiel, dann gehts auch mit der Stimmung.» Der Präsident spaziert vorbei, dankt schon allen für den «tollen Einsatz», wünscht frohe Ostern und nuckelt ein paarmal etwas nervös an einer E-Zigarette. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Hier heisst Fussball noch, dass 22 Menschen einem Ball nachrennen, und zum Schluss trinkt man zusammen ein paar Bier – und eben nicht Millionentransfers und Debatten über Sicherheitskosten und Ausschreitungen.

Wobei: Auf den zweiten Blick fallen sie doch auf, die etwas fremd wirkenden Gitter auf der anderen Seite des Platzes, dort, wo während des Spiels die Fans des Gästevereins von den Einheimischen abgetrennt stehen werden. Denn auch wenn wir uns noch in den Niederungen des österreichischen Amateurfussballs befinden, so trägt der Verein, der heute hier zu Gast ist, einen Namen, der klingt, als würden hier bald Tausende Fans herbeiströmen: Austria Salzburg. Dreimaliger österreichischer Meister. UEFA-Cup-Finalist 1994 gegen Inter Mailand. Ein Traditionsverein, dessen Geschichte bis 1933 zurückreicht, als sich in der volatilen Stimmung kurz vor dem österreichischen Bürgerkrieg zwischen SozialdemokratInnen und AustrofaschistInnen in einer kleinen sportpolitischen Sensation ein bürgerlicher und ein Arbeiterverein zum Sportverein SV Austria zusammenschlossen. Der im April 2005 von Getränkehersteller und Lifestyle-Sponsor Red Bull übernommen und in eine kommerzielle Grossmaschinerie umgewandelt wurde.

Und darin liegt das Bizarre an dieser Geschichte: Denn der Verein, der an diesem Nachmittag in Höchst aufläuft, trägt streng genommen nur den Namen (und vielleicht fast wichtiger: die Farben Violett und Weiss) des Vereins, auf den er sich beruft. Denn auch wenn er sich auf eine Tradition bezieht, die niemand sonst für sich beansprucht – auf dem Papier existiert er erst seit 2006.

Was konnte schon schiefgehen?

«Wir sind ein bunter Haufen, den die Farbe Violett eint»: Die Fans der Austria Salzburg haben sich ihre Farben zurückerobert.

«Wie die meisten war ich damals erleichtert, als ich hörte, dass Red Bull bei uns einsteigt», erzählt Walter Windischbauer, Obmann des SV Austria Salzburg. Die Zukunft sei damals sehr ungewiss gewesen. Nach den goldenen Jahren Mitte der Neunziger kämpfte der Verein sportlich und finanziell gegen den Niedergang. Da kam das Interesse von Red Bull wie ein Geschenk des Himmels. Ein Unternehmen mit Milliardenumsatz – und dann noch ein lokales, dessen schillernder Besitzer, der Self-made-Milliardär Dietrich Mateschitz, zwar schon damals weitherum als völlig unberechenbar galt, aber von dem man wusste, dass er sich mit seinem Energydrink nach thailändischer Rezeptur nach seinem Engagement im Extremsport nun auch noch im Profisport profilieren wollte. Was konnte schon schiefgehen?

Dass der Verein in Zukunft «Red Bull Salzburg» heissen würde, störte noch niemanden. Warum auch? Sponsoren im Vereinsnamen zu tragen, hat in Österreich eine lange Tradition. Kein Spitzenverein, der nicht schon den Namen seines Hauptsponsors trug – und die Austria Salzburg hatte das letzte Mal 1973 offiziell so geheissen. Dazwischen war sie «Sparkasse Salzburg», «Casino Salzburg», «Wüstenrot Salzburg» und (nicht metaphorisch, sondern nach einem lokalen Warenhaus benannt) die «Gerngross A. Salzburg» gewesen. Erst als anlässlich der Mannschaftspräsentation für die neue Saison im firmeneigenen Hangar 7 am Salzburger Flughafen auch die neuen Trikots vorgestellt wurden, die komplett in den Firmenfarben Rot, Gelb und Blau gehalten waren, begannen die Fans zu merken, worauf sie sich da eingelassen hatten. «Ich muss zugeben, wir waren alle etwas naiv. Als ich das erste Mal die neuen Trikots sah, dachte ich mir noch, das ist doch bloss ein Anfängerfehler der Marketingabteilung. Die haben einfach nicht gewusst, dass unsere Farben Violett und Weiss sind. Das muss man diesen armen Leuten doch bloss sagen», erinnert sich Windischbauer heute und lacht.

«12:1, hey, super!»: Nach dem Spiel gibts Händeschütteln.

Stattdessen wurde recht schnell klar, dass es hier nicht um ein Sponsoring ging, sondern um eine Übernahme, die durchaus feindliche Töne annahm. Red Bull gründete den Verein neu, mit neuen Statuten, die unter anderem vorsahen, dass der Vorstand nicht mehr von den Mitgliedern gewählt, sondern von der Firma eingesetzt würde. Die Stehplätze wurden abgeschafft. Als sich Widerstand gegen die neuen Farben formierte, gab sich der Milliardenkonzern zuerst zwar vermeintlich gesprächsbereit – nachdem die Fanvereinigung «Initiative Violett-Weiss» als einzigen Kompromiss eine violette Kapitänsbinde aushandeln konnte, war es auch mit diesen Illusionen vorbei. Fans, die weiterhin mit violetten Trikots ins Stadion kamen und ihrem Unmut Luft machten, wurden als «Krawallmacher» diskreditiert und aus den Stadien verbannt. «Keine Kompromisse. Das ist ein neues Team, ein neuer Klub. Es gibt keine Tradition, es gibt keine Geschichte, es gibt kein Archiv», liess sich die neue Führung im August 2005 zitieren. Fussballerische Geschichtsklitterung. Selbst das ursprüngliche Gründungsdatum 1933 des Vereins ignorierte Red Bull und führte es erst auf Druck der österreichischen Fussballbundesliga wieder in ihren Unterlagen. Denn: Neugründungen von Vereinen sind zwar möglich – diese müssen allerdings wieder in der untersten Liga anfangen.

Neugründung wegen Schnitzelsemmeln

Dies war denn auch der einzige Weg, der den frustrierten Fans offen blieb. Zwar wurde in Fussballstadien von Split bis Washington, von Genk bis Aarau und in einem seltenen Anfall von Einigkeit sogar in Zürich und Basel gemeinsam Solidarität bekundet mit den ihres Vereins beraubten Fans – doch der Grosskonzern liess sich nicht beirren. Die Empörung würde schon verschwinden, wenn «die Mannschaft wirklich gut spielt und auch gewinnt», liess man verlauten. Doch man hatte nicht mit der Hartnäckigkeit der Fans gerechnet. Diese gründeten einen neuen Verein und gingen eine Spielgemeinschaft mit der Fussballsektion des Polizeisportvereins Salzburg ein. Das Experiment scheiterte zwar (nicht zuletzt an vermeintlich illegal verkauften Sandwiches – ein Vorfall, der als die «Schnitzelsemmelaffäre» in die neue Vereinsgeschichte einging), doch der Weg war klar: Die Austria musste weiterbestehen.

Und so begann der neue Verein mit altem Namen im Sommer 2006 wieder bei null, in der untersten österreichischen Fussballliga, der 2. Klasse Nord A. Mit einem Vorstand, der aus einer wilden Mischung klassischer Fans, ehemaliger Austria-Funktionäre und Ultras bestand, einem Zehnjahresplan, der den Verein zurück in den Profifussball bringen sollte – und vor allem einer treuen AnhängerInnenschaft von an die tausend Fans, was in diesen Niederungen eine enorme Dimension mit sich brachte. Das weiss auch Windischbauer: «Das war immer unser grösster Trumpf, das ist er bis heute. Wie spielen immer mit zwölf Mann, so wie die Mannschaft von unseren Fans unterstützt wird. Es ist fast ein bisschen unfair für die anderen.» Selbst heute, acht Jahre später, in der Regionalliga West, der höchsten österreichischen Amateurliga, bringt die Austria auswärts meist mehr Fans mit ins Stadion als die Heimmannschaft. Heute in Höchst ist es nicht ganz so schlimm – es sind nur gerade 150 mitgekommen, damit sind die Verhältnisse fast ausgeglichen.

Es sei ihm ein bisschen peinlich, dass nur so wenige da sind, meint Fanbetreuer David Rettenbacher – wir müssten unbedingt mal nach Salzburg kommen, da sei die Stimmung weitaus besser. Das eigene Stadion hat zwar nur 1566 Plätze, aber die sind meistens ausverkauft. «Das war nicht immer nur ein Vorteil», erzählt Rettenbacher. Viele der anderen Vereine seien überfordert gewesen mit dem Ansturm, sei das mit simplen logistischen Gegebenheiten – manchmal ging das Bier schon vor dem Spielbeginn aus –, aber auch in Sicherheitsfragen. «Die haben sich meist freudig die Hände gerieben, wenn sie an den Umsatz dachten. Wenn sie dann im Nachhinein 25 000 Euro hinblättern mussten, weil die lokale Polizei ein Grossaufgebot mobilisierte, fanden sie das dann nicht mehr so witzig.» Der Ruf der «wilden Hooligans», die sich in der untersten Liga «zusammengerottet» hätten, ging der Austria voraus – die Tatsache, dass der damalige Obmann Moritz Grobovschek Mitbegründer einer Fangruppierung mit dem martialischen Namen «Tough Guys» gewesen war, passte da ins Bild. Und natürlich half der Red-Bull-Konzern fleissig mit, das Bild zu zementieren. Der Erfolg auf dem Platz kam zwar – die Mannschaft stieg in vier Jahren viermal auf –, doch das Aussenbild litt. Nach Ausschreitungen bei einem Regionalderby 2010 legte der gesamte Vorstand sein Amt nieder – neuer Obmann wurde Walter Windischbauer. Ein Jurist, Mieterverbandspräsident, politisch gut vernetzt – ein langjähriger Austria-Fan zweifellos, aber keiner aus der Kurve.

Fans im Vorstand – wieso auch?

«Das war kein bewusster Entscheid, dass es heute niemanden mehr in der Vereinsleitung gibt, der aus dem harten Kern kommt», sagt Rettenbacher. Auch ihm hat man schon das Amt des Kassiers angeboten, doch er lehnte ab. «Ich will Fan bleiben. Ich will mir nicht überlegen müssen, ob es besser ist, ein Spiel gegen Ende Saison zu verlieren, weil wir dann Punkteprämie sparen.» Dennoch versteht sich der Verein bis heute noch als Fanprojekt. Sechs- bis achtmal im Jahr trifft sich die «Austria-Gemeinde» – ein Begriff, der die beiden selber schmunzeln lässt –, um wichtige Dinge zu besprechen. Einen Fanvertreter im Vorstand wie bei anderen Vereinen gibt es bei der Austria nicht – «Wieso auch? Die Kommunikation zwischen Verein und Fans stimmt. Alle wissen, dass wichtige Entscheidungen nur im Konsens getroffen werden können», sagt Rettenbacher.

«Ich weiss nicht, ob man wirklich sagen kann, dass es auf diesem Niveau nicht mehr möglich sein soll, dass Fans ihren eigenen Verein führen. Aber natürlich ist es leichter, wenn man Verbindungen hat zu den politischen Entscheidungsträgern», fügt Windischbauer hinzu. Und auf diese ist der Verein inzwischen angewiesen. Denn 2014 ist die Austria auf dem besten Weg, in die zweite österreichische Bundesliga und damit wieder in den Profifussball aufzusteigen, in der ganzen Saison hat die Mannschaft kein Spiel verloren – der Zehnjahresplan könnte also womöglich aufgehen. Grösstes Hindernis dabei ist nicht etwa die Relegation, sondern die Lizenz für den Profifussball. Für einen Aufstieg braucht es nämlich eine neue Lichtanlage, mehr Sitzplätze, und das ist alles nicht billig. Anfang dieses Jahres hat das Salzburger Gemeindeparlament 500 000 Euro an die Infrastruktur bewilligt – interessanterweise in einer Allianz zwischen SPÖ, Bürgerliste (Die Grünen) und FPÖ. Ein bisschen wie in den Anfängen des Vereins.

«Die meisten von uns haben eine politische Einstellung, aber wir wollen uns nicht von Parteien vereinnahmen lassen», sagt Windischbauer. Und Rettenbacher fügt hinzu: «Als der Verein gegründet wurde – und auch davor –, haftete einem Teil der Fans ein eher rechtes Image an. Heute ist das praktisch kein Thema mehr. Wir sind ein bunter Haufen, den die Farbe Violett eint.» Eher müssten sie sich häufig dagegen wehren, aufgrund ihrer Geschichte in irgendeinen Topf geworfen zu werden oder zum Mythos gemacht werden. «Aus meiner Sicht sind wir nie angetreten, die Speerspitze einer Bewegung gegen Kommerz im Fussball zu sein. Unser Verein wurde vor unseren Augen zerstört, und das konnten wir nicht zulassen. Uns ging es um die Austria – darum, diese am Leben zu halten.» Ein ganz normaler Verein also – einfach mit einer etwas kuriosen Geschichte? «Das Bewusstsein ist schon ein anderes. Wir werden nie mehr zulassen, dass uns ein Sponsor die Vereinspolitik diktiert. Wir haben erlebt, was das bedeuten kann.» Und die Farben und der Name des Vereins stehen nicht mehr zur Diskussion. Diese sind in den ersten zwei Artikeln der Statuten verankert. «Für immer», sagt Rettenbacher.

Der Blick geht nach vorne. Auch an diesem Nachmittag. Nachdem in der 33. Minute das 2:0 fällt, spielt sich die Austria in einen Rausch – als ob sie zeigen will, dass sie in der Amateurliga am falschen Ort ist. Das Spiel endet 12:1. Und eine Woche später erhält die Austria die frohe Botschaft: Die Lizenz für die zweite Bundesliga wird bewilligt. Somit ist klar: Am 2. und 5. Juni spielt die Austria um den Aufstieg. Und das Fanprojekt kann zum Fanmärchen werden.

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