Nr. 37/2019 vom 12.09.2019

Herr Müller und das Theater

Von Florian Keller

Das waren noch Zeiten, als sie sich bei der NZZ mit kulturellem Kapital zu brüsten pflegten! Heute zieht man sein Kapital dort lieber aus dem Bekenntnis, dass man mit der heutigen Kultur nichts mehr anfangen könne.

Seit Jahren schon, so liess uns Felix E. Müller jüngst im Aufmacher des Feuilletons wissen, gehe er nicht mehr ins Theater. Wieso das? Weil sich das Theater nicht mehr «mutig an der Gesellschaft» reibe, weil es sich zu bequem in seiner «subventionierten Nische» eingerichtet habe. Woher er das wissen will, wo er doch seit vielen Jahren nicht mehr im Theater war – das bleibt sein Geheimnis.

Was er aber weiss, weil sein Gedächtnis so weit zurückreicht: Von Peter Stein bis Christoph Schlingensief war das noch ganz anders. Letzterer, so erinnert sich Müller, sei immerhin «hellsichtig genug» gewesen, als er 2003 einen sofortigen Subventionsstopp für sämtliche Theater forderte. Ja, der Schlingensief, der rieb sich noch mutig an der Gesellschaft! Und Subventionen stoppen, das gefällt dem Herrn Müller natürlich: Als er noch Chefredaktor bei der «NZZ am Sonntag» war, forderte seine Zeitung ja auch die Abschaffung der Solothurner Filmtage.

Wir erinnern uns aber auch daran, wie Felix E. Müller einst in der NZZ titelte, als sein jetzt geschätzter Schlingensief im Vorfeld des «Hamlet» dazu aufrief, die SVP zu verbieten: «Inszeniertes Ärgernis»! «Fragwürdig» und «pubertär» sei Schlingensiefs Aktion, so Müller damals, und inhaltlich ein «Armutszeugnis». So ein Bürgerschreck lässt sich halt leichter umarmen, wenn er tot ist.

Natürlich ist es völlig legitim, wenn Pensionär Müller jetzt lieber nur noch solche Theater besucht, die zur Unterhaltung aufspielen (aber bitte «mit einer Moral», das ist ihm wichtig). Nur: Vielleicht ist es ihm entgangen, aber so gespannt wie jetzt hat die deutschsprachige Theaterwelt schon lange nicht mehr nach Zürich geschaut. Mit der Polemik ist es halt wie mit der Komik: Aufs Timing kommt es an.

Zwei Seiten später freute sich die NZZ-Theaterkritikerin auf die neue Schauspielhaus-Saison: Palastrevolution!

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