Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Die couragierte Stationsschwester

Von Brigitte Matern

Der Massenmord hatte bereits begonnen, als sie im Oktober 1942 ihre Stelle in der Sanitätsstation antrat. «Die Front, das ist ein Kinderspiel im Verhältnis zu Auschwitz», wurde sie von SS-Hauptsturmführer Robert Mulka begrüsst, die seelische Belastung sei kaum auszuhalten, die Sterblichkeit unter den Häftlingen betrage monatlich 7000 bis 8000 – «eine wirklich schreckliche Arbeit», bedauerte er sich selbst, «die aber für uns nötig» sei. Gegenüber der neuen Krankenschwester konnte er offen sprechen, schliesslich hatte sie sich freiwillig für den Dienst in Auschwitz gemeldet. Diese trieb jedoch nicht NS-Fanatismus hierher, sondern reine «Menschenpflicht»: Sie wollte wissen, was hinter den grauenhaften Gerüchten über das Lager steckte, «und vielleicht», so schrieb sie ihrer entsetzten Schwester in Bregenz, «kann ich auch etwas Gutes tun».

Als Pflegedienstleiterin der SS-Krankenstation war die 1898 in Kärnten geborene Gastwirtstochter für das Personal zuständig, das Lager selbst durfte sie nicht betreten. Couragiert setzte sie sich jedoch darüber hinweg, ebenso über das Verbot, mit den in der Station tätigen Häftlingen zu sprechen. Und so war sie bald ein wichtiges Scharnier zwischen der lagerinternen «Kampfgruppe Auschwitz» und den polnischen PartisanInnen draussen. Sie versorgte KZ-Häftlinge mit Lebensmitteln und Medikamenten, gab ihnen Informationen über den Kriegsverlauf und geplante Aktionen der Lagerverwaltung weiter und sorgte dafür, dass Beweismaterial über die NS-Verbrechen im Lager nach aussen gelangte. Später, die Befreiung war nah, half sie beim Einschleusen von Sprengstoff und Waffen, mit denen Häftlinge verhindern wollten, dass die SS noch kurzerhand Zehntausende ZeugInnen beseitigte. Ihr Aufstand misslang, 60 000 Menschen wurden auf den Todesmarsch geschickt.

Der Beteiligung an Massentötungen verdächtigt, wurde sie nach Kriegsende von der französischen Besatzungsbehörde im Lager Brederis bei Rankweil interniert. Unerträgliche Monate verbrachte sie dort unter NS-VerbrecherInnen, bis sie schliesslich auf Fürsprache polnischer Widerstandskämpfer freikam. Von ihrem Berufsstand enttäuscht, mochte sie nicht mehr als Krankenschwester arbeiten. Sie fand einen Job als Näherin in einer Bregenzer Textilfabrik, litt am hartnäckigen Schweigen ihrer Umwelt und starb 1957 mit nur 59 Jahren an Herzversagen.

Wer war die Ehrenpräsidentin des österreichischen KZ-Verbands der NS-Opfer, die ihren «Reichtum an Liebe in Auschwitz verströmt» hatte und es danach schwer fand, «ohne Illusionen weiterleben zu müssen»?

Wir fragten nach der österreichischen Widerstandskämpferin Maria Stromberger (1898–1957). Stromberger hatte nicht nur im Umgang mit den KZ-Häftlingen Zivilcourage gezeigt, sondern auch in der direkten Auseinandersetzung mit der Lagerleitung: Als Mitte 1944 in der sogenannten Aktion Höss in Auschwitz die Ermordung von über 400 000 ungarischen JüdInnen vorbereitet wurde, verweigerte sie die Unterschrift unter ein Papier, das das Sanitätspersonal dazu verpflichtete, «mit allen Kräften und Mitteln» daran mitzuarbeiten. 1947 trat sie in Warschau als Zeugin der Anklage gegen den kurz darauf hingerichteten Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss auf. Dessen Adjutant Robert Mulka, der für die Beschaffung des Giftgases Zyklon B und den Transport der Gefangenen in die Gaskammern verantwortlich gewesen war, wurde 1965 zu vierzehn Jahren Zuchthaus verurteilt, 1966 jedoch wegen Haftunfähigkeit entlassen. Es dauerte lange, bis Strombergers Widerstandsarbeit öffentlich gewürdigt wurde. In Bregenz erinnern heute ein Strassenname sowie eine Station auf dem Gedenkweg zu «Widerstand und Verfolgung in Bregenz 1938–1945» an sie.

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