Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Die vibrierende Sängerin

Ihr Vater war Zuckerbäcker und ein Patriarch alter Schule. Ins Familienunternehmen einzusteigen, wie er es gerne gesehen hätte, interessierte sie hingegen nicht. Mit achtzehn riss sie von zu Hause aus, um in Lucca Klavier und später Komposition zu studieren. Sie schlug sich als Barpianistin durch, bis sie sich bei der Arbeit in einer Bäckerei den halben Daumen absäbelte und nicht mehr Klavier spielen konnte. Später studierte sie Philosophie und Literatur in Mailand, schloss ihr Studium aber erst 1994 ab, mit einer Arbeit über den weiblichen Körper in der Musik.

Sie engagierte sich immer wieder politisch, für Frauenrechte oder gegen französische Atomtests im Pazifik. Für Letzteres kletterte sie auf den Balkon der französischen Botschaft in Rom und gab von dort ein spontanes Konzert. Während ihrer bis heute erfolgreichen Karriere als Sängerin, in der sie sich vorwiegend mit dem Thema Liebe beschäftigte, liess sie sich auf alle möglichen Spässe ein. In den achtziger Jahren nahm sie mit den Krautrockgrössen Conny Plank und Jaki Liebezeit unter anderem einen Song auf, in dem sie sich über südländische Liebhaber lustig macht. Einen Song von Giorgio Moroder sang sie als Hymne für ein sportliches Grossereignis. Und zusammen mit Sting interpretierte sie Bertolt-Brecht-Lieder.

Mit dem Plattencover zu ihrem dritten Album sorgte sie im katholischen Italien 1979 für einen kleinen Skandal: Darauf war die Freiheitsstatue abgebildet, die Fackel in ihrer Hand durch einen Vibrator ersetzt. Doch nicht nur die Verpackung hatte es in sich: In ihrem ersten Hit sang die offen bisexuelle Sängerin ein Loblied auf die Selbstbefriedigung. Ihre rotzige Stimme konnte schon damals kratzen wie die ihres Idols Janis Joplin, nur musste sie dafür nicht so viel Whisky trinken.

2014 wurde ihre Villa in der Toskana inklusive Reitstall beschlagnahmt, weil sie Millionen an Steuern hinterzogen hatte. Mit dem hinterzogenen Geld kaufte sie sich eine Wohnung in London. Im Fall der gesuchten Sängerin hatte sogar dieser Akt des Ungehorsams etwas Rebellisches; die Übersiedlung nach England hatte auch damit zu tun, dass die Gesetze in Italien ihr nicht erlaubten, ihre Tochter durch ihre Lebenspartnerin abzusichern.

Wer ist die Sängerin, die sich auf ihrem kürzlich erschienenen neuen Album als Differenzfeministin outet? David Hunziker

Wir fragten nach der italienischen Rocksängerin Gianna Nannini. Je nach Quelle wurde sie 1954 oder 1956 in Siena geboren. Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie 1982 mit dem Album «Latin Lover». Zu ihren grössten Hits zählen «Bello e impossibile», «I maschi» und «Un’estate italiana», die Hymne zur Fussball-WM 1990 in Italien. Schlagzeilen machte Nannini, als sie mit 54 Jahren Mutter wurde. Ihren Babybauch präsentierte sie auf einem Albumcover und auf der Titelseite der italienischen «Vanity Fair», auf dem T-Shirt die Aufschrift: «God Is a Woman».

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