Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Der Prinz in der Mottenkiste

Von David Hunziker

Wer «Frozen 2» bei Google eingibt, findet: Produkte. Spielfiguren, Pyjamas, Prinzessinnenschlösser. Auch der Film zu den Produkten läuft ganz gut, er hat Disney schon über eine Milliarde Dollar eingespielt. Die Absicht ist klar, doch Grund zur Verstimmung gibt es nicht: Die beiden «Frozen»-Filme – der zweite läuft gerade im Kino – sind schlicht fantastisch, ganz egal, was man sucht. Eskapismus: Disney-Magie vom Feinsten. Technik: Nur eine computeranimierte Flutwelle kann so schön glitzern. Humor: Schneemann Olaf wechselt zwischen Slapstick für Kinder und philosophischen Pointen. Ironie: Der Film macht sich ständig über sein eigenes Pathos lustig. Und nicht zuletzt Genderpolitik: Die Schwestern Elsa und Anna sind die coolsten weiblichen Vorbilder im Herzen des Mainstreams.

«Frozen» ist ein Märchen über zwei Prinzessinnen: Elsa, die mit ihren überirdischen Kräften hadert, und Anna, die ihr mit überirdischem Mut zur Seite steht. Und der rettende Prinz? Der wird in «Frozen 2» gleich in der ersten Szene in die Mottenkiste verbannt. Da spielen die Schwestern mit Figuren aus Schnee, ein böser Kobold bedroht den Zauberwald und die Prinzessin. «Zaubere einen Prinzen», sagt Anna und drückt die Figuren gegeneinander. Elsa blickt sie angewidert an: «Küssen wird den Wald auch nicht retten.» Gerade das war ja die Pointe des ersten Teils – dass der rettende «Akt wahrer Liebe» eben nicht der Kuss des Prinzen ist (eines machtgierigen Bösewichts), sondern die Aufopferung der Schwester.

Der Science-Fiction-Autor und FAZ-Redaktor Dietmar Dath merkt in seiner sehr lustigen Videokritik zu «Frozen 2» an, dass die Überwindung der klassischen Märchenform nicht einfach politisch korrekt sei, sondern erzählerisch schlicht interessanter. Bei «Frozen» konnte man spekulieren, ob Elsas unverstandene Zauberkraft eigentlich für ihr homosexuelles Begehren steht, in «Frozen 2» gipfelt die Geschichte von deren Ursprung in einem öko-pazifistischen Mythos. Hier können wir uns problemlos aufs nächste Sequel freuen.

Oder wie Schneemann Olaf sinniert: «Die Veränderung verspottet uns mit ihrer Schönheit.»

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