Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Revolte der Reichen

Ohne Proletariat wäre die Welt ein Paradies: Wer war Ayn Rand (1905–1982), die mit «Atlas Shrugged» das Lieblingsbuch der Rechtslibertären schrieb?

Von David Eugster

Ayn Rand 1947 vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe. Foto: Leonard Mccombe, Life/Getty

Ayn Rand gilt in den USA als Einstiegsdroge für RepublikanerInnen und Rechtslibertäre. Sie finden sich wieder in Rands Romanen, die bevölkert sind von muskulösen Männern, die ebenso starke Frauen begehren. Diese Romane wie auch Rands philosophische Schriften sind bedingungslose Lobreden auf das rücksichtslose Individuum, das sich weder durch Moral noch Mitleid von etwas abhalten lässt. Kein Wunder, dass sich auch die Gründerfiguren des Plattformkapitalismus gerne auf Rand berufen – die Chefs von Paypal, Apple, Uber und Amazon nannten sie als Inspirationsquelle.

Rand wurde 1905 in St. Petersburg als Alissa Rosenbaum in eine bürgerliche jüdische Familie geboren, die während der Oktoberrevolution 1917 enteignet wurde und verarmte. Aus dieser Erfahrung zog Ayn Rand den Schluss: Der Staat, die Moral, eigentlich jede kollektive Vereinbarung führen immer nur zu wütenden Mobs und zur Unterdrückung des Einzelnen, der nach Höherem strebt. Als Teenie schwärmte sie in ihrem Tagebuch für Nietzsches Übermenschen und für jugendliche Mörder, die sich radikal vom gesellschaftlichen Konsens absetzten. Nach einem Studium der Geschichte und der Sozialpädagogik emigrierte sie 1926 in die USA.

Sex gegen Schreibstau

Sie arbeitete als Statistin und Drehbuchschreiberin in Hollywood und machte sich einen Namen mit dystopischen Büchern über die Sowjetunion und über kollektivistische Gesellschaften, in denen der Staat etwa die Erfindung der Glühbirne verhindert, um die Kerzenindustrie zu schonen. Ihr Durchbruch gelang ihr dann aber mit einem Roman über die USA: «The Fountainhead» (1943), eine Art radikalindividualistisches Pamphlet gegen den New Deal.

Auch wenn sie die Kommunistenjagd unter Senator Joseph McCarthy pflichtbewusst unterstützte, stand Ayn Rand durchaus quer zum Mainstream des Kalten Kriegs – sie war Atheistin und eine für damalige Verhältnisse äusserst eigenständige Frau mit einem entspannten Verhältnis zu Ehe und Monogamie. Während eines gewaltigen Schreibstaus lieh sie sich – per Vertrag – den jungen Nathaniel Branden von dessen Ehefrau aus, für wöchentliche sexuelle Stelldicheins. Der Roman, der dabei entstand, war «Atlas Shrugged» (1957, auf Deutsch «Der Streik»). Auf über tausend Seiten entfaltet sie darin ihre Philosophie des radikalen Egoismus, die sie «Objektivismus» nannte.

Milliardäre im Streik

Im Roman wird der Staat als korruptes Gebilde dargestellt, das im Namen des allgemeinen Wohls die «men of mind» entmündigt und enteignet: Ingenieure, Künstler, vor allem aber Milliardäre und Tycoons. Rands Helden planen deswegen, der Welt ihre Brillanz zu entziehen. Die Protagonistin ist die wohlhabende Eisenbahnunternehmerin Dagny Taggart, die gegen die Anmassungen des Staates kämpft. In einer Welt von staatlich geförderter Inkompetenz bringt sie auch den Wundermotor nicht zum Laufen. Auf der Suche nach Fachkräften gelangt sie zu John Galt, dem Erfinder des Motors und Anführer der Revolte von oben. Sie findet ihn in Atlantis, einem Science-Fiction-Resort für Milliardäre, die hier als Klempner und Bauern freie Marktwirtschaft ohne ArbeiterInnen spielen.

Zu den Streikenden gehören auch Dagnys erster Liebhaber Francisco, der sich als Playboy und verwöhnter Erbe tarnt, aber eigentlich auch ein libertäres Genie ist, sowie Hank, ein vom Staat mit Vorschriften drangsalierter Stahlunternehmer, mit dem Dagny ebenfalls eine Affäre hatte. John Galt wiederum ist ein guter Küsser und spuckt ständig randsche Aphorismen aus: «Ich werde nie für andere leben, und ich werde nie von anderen verlangen, dass sie für mich leben.» Am Ende kehrt Dagny mit ihren Freunden in die Welt zurück, um dem Staat die Kontrolle zu entreissen.

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