Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Vergessen und verdrängt

Von Roger Anderegg

Auf dem Bucheinband die blau-weiss gestreifte Häftlingsjacke eines KZ-Insassen. Sie trägt die Nummer 29 331 und ein rotes Dreieck, das für politische Gefangene steht. In dieser Jacke erreichte der Zürcher Albert Mülli die Schweizer Grenze, nachdem er am 29. April 1945 in Garmisch-Partenkirchen, einem Aussenlager des KZ Dachau, von US-Truppen befreit worden war.

Der damals arbeitslose Zürcher Sozialdemokrat mit Jahrgang 1916 hatte 1938 gegen Entgelt einen Koffer nach Wien gebracht. Im seit kurzem an Nazideutschland angeschlossenen Österreich wird er von der Gestapo verhaftet – der Koffer enthält kommunistische Flugblätter, sein Empfänger wird überwacht. Albert Mülli wird zu einer Zuchthausstrafe verurteilt, über Jahre in Haft gehalten und 1942 ins KZ Dachau überstellt. In den mehr als sechs Jahren seiner Gefangenschaft bemühte sich die offizielle Schweiz nie klar und entschieden um seine Freilassung.

Ein exemplarisches Schicksal – abgesehen davon, dass Mülli überlebte. Mutmasslich 391 Schweizerinnen und Schweizer landeten im KZ. Sie waren in Deutschland oder in den besetzten Ländern als JüdInnen, «Regimefeinde», Angehörige des Widerstands oder einfach als Randständige festgenommen worden. 201 von ihnen überlebten nicht.

Jetzt haben die drei Schweizer Journalisten Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid das bisher von der Geschichtsschreibung gemiedene Thema akribisch aufgearbeitet. «Es konnte jeden und jede treffen», schreiben sie. «In den Konzentrationslagern waren sie Nummern. Im Schweizerischen Bundesarchiv sind sie Entschädigungsfälle. In diesem Buch sollen sie wieder Menschen werden.»

Das ist nicht zu viel versprochen. Die zehn exemplarischen Lebensgeschichten sind, wie das ganze Thema, akribisch recherchiert und in die historischen Abläufe eingebettet. Aber sie sind auch mit so viel Einfühlungsvermögen geschrieben, dass man ihnen voller Spannung und Empathie folgt.

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