Nr. 16/2008 vom 17.04.2008

Rothmund will eine heilsame Ausschaffung

Der Bundesrat will 1942 am deutschen Kommunisten Fritz Sperling ein Exempel statuieren. Im Wissen darum, dass ihm die Todesstrafe droht, soll er der Gestapo ausgeliefert werden.

Von Daniel Stern

Wegen eines gefälschten Passes und weil er sich in der Schweiz kommunistisch betätigt hatte, verurteilt das Bezirksgericht in Zürich den dreissigjährigen deutschen Emigranten Fritz Sperling am 15. Juli 1941 zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten. Die lange Untersuchungshaft wird der Strafe angerechnet, also müsste er unmittelbar nach dem Urteilsspruch auf freien Fuss gesetzt werden. Doch er bleibt in Polizeihaft. Sperling will wissen, was weiter mit ihm geschieht. Würde man die vom Bundesrat im Januar beschlossene Ausweisung nach Deutschland vollziehen, hätte er das Schlimmste zu befürchten. Er schreibt an die Polizeiabteilung im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) und bittet darum, in ein Arbeitslager interniert zu werden.

Chef der Polizeiabteilung im EJPD ist Heinrich Rothmund. Sein Name steht wie kein anderer für die harte Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, auch wenn letztlich der Bundesrat die politische Verantwortung trägt. Rothmund hatte 1938 einen generellen Visumszwang für Deutsche - inklusive Ariernachweis - vorgeschlagen, um jüdische Flüchtlinge aus Grossdeutschland abwehren zu können. In zähen Verhandlungen mit Deutschland einigte man sich letztlich auf einen «J»-Stempel in allen jüdisch-deutschen Pässen. Damit konnten flüchtende JüdInnen von den Schweizer Grenzwächtern sofort identifiziert und zurückgeschickt werden. Sie galten nicht als politisch Verfolgte, obwohl man über die Diskriminierungen und die zunehmenden Gräueltaten an ihnen Bescheid wusste.

Als Reaktion auf Sperlings Brief schreibt Heinrich Rothmund am 30. Juli 1941 Bundesanwalt Franz Stämpfli. Sperling sei «keines besonderen Entgegenkommens mehr würdig». Er habe das ihm gewährt Asyl «schwer missbraucht». Rothmund will Stämpfli davon überzeugen, dass dieser beim Bundesrat um die Erlaubnis ersucht, Sperling «unverzüglich nach Deutschland auszuschaffen».

Rothmund verweist in seinem Brief auf zwei angebliche Präzedenzfälle, die eine Ausschaffung rechtfertigen würden. So beschloss der Bundesrat am 7. März 1941, den in der Schweiz geborenen und aufgewachsenen Italiener Bruno Giacobbi den Behörden des faschistischen Italien zu übergeben, obwohl er wegen Desertation gesucht wird. Giacobbi war in der Schweiz wegen meist kleineren Vergehen wiederholt zu Haftstrafen verurteilt worden. Zudem wird er von den Behörden als «arbeitsscheu» bezeichnet. Mit Hinweis auf Giacobbis Ausschaffung hatte der Bundesrat am 21. Mai 1941 beschlossen, den französischen Deserteur Roger Godard an das Vichy-Regime in Frankreich auszuliefern. Auch dieser sass zuvor mehrmals in Schweizer Gefängnissen, meist weil er frühere Einreisesperren missachtet hatte.

Weil Rothmund lange Zeit nichts von Stämpfli hört, beschliesst er, Sperling am 6. September 1941, «bis über die Frage der Ausschaffung entschieden ist», in die Strafanstalt Regensdorf einzuweisen. Am 29. Oktober trifft dann endlich - nach zweifacher Mahnung - die Antwort des Bundesanwalts ein. Stämpfli lehnt die Ausschaffung Sperlings ab: «Es muss anerkannt werden, dass Sperling in Deutschland aus politischen Gründen mit der Todesstrafe bedroht ist. Die Ausschaffung würde in weiten Kreisen unseres Landes mit Entrüstung aufgenommen und sicher dazu beitragen, die innenpolitischen Spannungen zu verschärfen.»

Lehrerinnensolidarität

Tatsächlich wird die harte Schweizer Flüchtlingspolitik von einem Teil der Bevölkerung scharf kritisiert. Die Gräueltaten der Nazis sind inzwischen weitum bekannt. Selbst die hierher geflüchteten KommunistInnen erfahren eine gewisse Solidarität, trotz des starken Antikommunismus in der Regierung und in den grossen Parteien. So setzte sich der Schweizerische Lehrerinnen-Verein für die deutsche Berufskollegin Susanne Schüle ein. Die Verhaftung Schüles wegen «kommunistischer Umtriebe» hatte die Polizei 1940 auf Sperlings Spur gebracht. Obwohl sie von den Behörden über Schüles Verhaftungsgrund informiert wurden, schrieb der Lehrerinnenverein an die Bundesanwaltschaft: «Nach wie vor haben wir den Eindruck, dass ihre Betätigung hier in Zürich unsere Landessicherheit nicht gefährdet. Auf alle Fälle möchten wir Sie dringend ersuchen, von einer Ausweisung abzusehen, denn es wäre doch mit der Tradition unseres Landes kaum vereinbar und würde sicherlich von weitesten Kreisen nicht gebilligt werden, wenn eine politische Emigrantin dem entsetzlichsten Schicksal ausgeliefert würde.»

Doch in der Sache Sperling lässt sich Rothmund von der Bundesanwaltschaft nicht abspeisen. Er gelangt jetzt direkt an seinen Vorgesetzten, Bundesrat Eduard von Steiger. Rothmund will mit dem Fall Sperling ein Exempel statuieren. Sperling soll ausgeliefert werden, um die KommunistInnen einzuschüchtern, aber auch um einen Präzedenzfall für weitere Ausschaffungen von «Linksextremen» zu schaffen. Er schreibt am 24. November 1941 an von Steiger, die Akten im Fall Sperling würden «einmal mehr die ganze Taktik der kommunistischen Kreise» klar erkennen lassen: «Alle Aussagen Sperlings und der Personen, in deren Kreis er sich ständig bewegte, bilden ein nahezu vollständiges Gewebe von Lügen.» Dieser Taktik komme man mit den üblichen polizeilichen Methoden nicht bei. Hier könne bei Ausländern nur eines wirken: «die Ausschaffung in ihr Heimatland, unbekümmert um die persönliche Gefahr, die ihnen dort infolge ihrer politischen Tätigkeit droht». Weiter schreibt Rothmund: «Eine solche Ausschaffung zum Beispiel eines deutschen Kommunisten nach Deutschland kann selbstverständlich zur Folge haben, dass der Ausgeschaffte draussen unverzüglich an eine Wand gestellt und erschossen wird. Sofern die schweizerischen Interessen die Ausschaffung aber gebieten, dürfen wir auf jene Möglichkeit nicht weiter Rücksicht nehmen. Andererseits können eine oder mehrere Ausschaffungen dieser Art für die Ordnung in der Schweiz ausserordentlich wirksam und heilsam sein.»

Für Rothmund hat sich die Aufnahme politischer Flüchtlinge auf die Frage «zugespitzt», ob es gelinge, «unbedingte Ordnung zu wahren». Die Stellung der Schweiz gegenüber dem Ausland sei «umso stärker», je klarer «wir den fremden Mächten beweisen können, dass wir die politischen Flüchtlinge vollständig im Zügel haben». Das sei «durch rücksichtslose Entfernung politischer Flüchtlinge, die sich nicht in jeder Beziehung einwandfrei verhalten haben» zu dokumentieren. Dies sei insbesondere auch deshalb nötig, da man ja nicht wisse, welch «schwere Zeit für uns einbrechen werde»; sei es im Kriegsfall, sei es - «wenn wir selber verschont werden» - nach Kriegsende. Die deutsche Wehrmacht ist zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt ihrer Machtausdehnung. Rothmunds Argumentation kann auch als Aufruf zum vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Nazis gelesen werden.

Betreffend allfälliger Proteste aus der Bevölkerung gegen die angestrebten Ausschaffungen versucht Rothmund den Bundesrat zu beruhigen: «Der Wille der Regierung, im Landesinneren unbedingte Ordnung zu halten», würde auch bei der Bevölkerung «im grossen Ganzen gewiss nur einen guten Eindruck erwecken». Ausserdem sei eben taktisch geschickt vorzugehen: Die Bevölkerung müsse man, noch bevor etwas durchgesickert sei, mittels eines «geeigneten Communiqués aufklären». Damit könne der Anschein ausgeräumt werden, dass man einer fremden Macht eine Gefälligkeit erwiesen habe. Mit Blick auf weitere inhaftierte KommunistInnen betont Rothmund am Schluss seines Berichtes: «Wenn der Bundesrat die Ausschaffung von Sperling nach Deutschland beschliesst, werden wir voraussichtlich noch weitere Anträge in ähnlichen Fällen zu stellen haben. Der Fall Sperling ist keineswegs ein Ausnahmefall. Dies möchten wir von Anfang an betonen.»

«Internierung geboten»

Während Sperling in Regensdorf sitzt und Rothmund seine Ausschaffung nach Deutschland betreibt, verstärkt der Staatsschutz seine Aktivitäten gegen die noch aktiven GenossInnen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in der Schweiz. Anfang 1942 wird Elvira Nieper verhaftet. Die frühere Geliebte von Sperling war über ein Jahr untergetaucht. Jetzt wird ihr zusammen mit dem KPD-Mitglied Paul Meuter vorgeworfen, den Vertrieb von kommunistischem Propagandamaterial organisiert zu haben. Tatsächlich ist es der KPD auch in dieser Phase gelungen, ihre Zeitung «Süddeutsche Volksstimme» herzustellen und nach Deutschland zu schmuggeln.

Der Bundesrat fällt am 9. Februar 1941 einen Beschluss, in dem es in Bezug auf Nieper und Meuter sowie drei weitere Genossen (Wilhelm Mauer, Ludwig Ficker und Fritz Bannasch) heisst: «Aus Rücksicht auf ihre politische Tätigkeit ist ihre Internierung geboten. Es wird noch geprüft, ob sie nicht doch zwangsweise ausgeschafft werden können und sollten.» Nur zwei Wochen später werden vom Bundesrat vier weitere Kommunisten (Wilhelm Frank, Walter Fisch, Rudolf Singer und Kurt Seliger) formal ausgewiesen. Ihnen wird vorgeworfen, sich im Arbeitslager Thalheim BL politisch betätigt zu haben. Somit stehen zehn in Deutschland gesuchte «Staatsfeinde» auf Rothmunds Abschiebeliste.

Um den übrigen internierten Flüchtlingen den Ernst der Lage klarzumachen, lässt Rothmund in den Lagern ein Flugblatt aufhängen. Darin heisst es: «Trotz des Verbotes jeder politischen Betätigung haben sich Insassen von Arbeitslagern für Emigranten der kommunistischen Agitation schuldig gemacht. Sie haben nach Aburteilung und Verbüssung der Strafe die Rückschaffung in ihr Herkunftsland zu gegenwärtigen.» Die kommunistische Agitation sei ein schwerer Verstoss gegen die Rechtsordnung der Schweiz, der umso schwerer wiege, wenn er durch Ausländer «oder gar durch ausländische Flüchtlinge» erfolge. Im Weiteren verbietet Rothmund die Herausgabe von Lagerzeitungen, löst die Freizeitausschüsse auf und untersagt den Internierten, gemeinsame Forderungen an die Behörden zu stellen. Er droht unverhohlen: «Nur die Annahme, dass es sich bei diesen Vorkommnissen um Einzelfälle handelt, lässt uns von einem weit strengeren Vorgehen vorläufig Abstand nehmen.»

Rothmund blufft nicht. Er ist zu diesem Zeitpunkt überzeugt, dass Sperling den Nazis ausgeliefert wird. Der Bundesrat hat grünes Licht gegeben.

Pfarrer Kobe hilft

Doch Sperling hat Glück. Seine Freundin Lydia Hug erfährt durch Zufall von der geplanten Ausschaffung. Jahrzehnte später erzählt sie, wie sie in der Kanzlei von Sperlings Rechtsanwalt, dem liberalen Nationalrat Albert Maag-Socin, auf ein entsprechendes Papier der Bundesanwaltschaft stiess: «Als ich kam, war Maag gerade in der Nationalratssession, und ich fragte die Sekretärin, ob ich, wie es vorgesehen sei, etwas im Dossier nachsehen könne.» Ihr seien nach anfänglichem Zögern die Akten von Sperling gebracht worden, worin sie einen entsprechenden Brief der Bundespolizei fand. Darin seien «Übergangsstelle und Zeitpunkt» bereits festgelegt gewesen. Lydia Hug informiert sofort Pfarrer Willi Kobe, Geschäftsführer der Auskunftsstelle für Flüchtlinge. Jetzt, wo bekannt ist, dass Sperling ausgeschafft werden soll, muss eine Solidaritätsbewegung für ihn organisiert werden.

Willi Kobe ist Pfarrer in Zürich Oerlikon und gehört zum Kreis der religiös-sozialen Bewegung um den Theologieprofessor Leonhard Ragaz. Die Auskunftsstelle für Flüchtlinge ist nach der Annexion Österreichs durch Deutschland gegründet worden und setzt sich vor allem für diejenigen ein, für die es nicht schon eine bestehende Hilfsorganisation gibt; «die romfreien Katholiken, die Pazifisten, die Religiös-Sozialen, die Demokraten und Liberalen», wie es in einer Bekanntmachung heisst. Die Auskunftsstelle übernimmt nach dem Verbot der Roten Hilfe Ende 1940 auch die Betreuung der kommunistischen Flüchtlinge.

Als Ende März 1942 Lydia Hug in seinem Büro auftaucht, telefoniert Kobe umgehend mit Walther Bringolf. Dieser gehört zu den einflussreichsten Politikern, der Sozialdemokrat ist Stadtpräsident von Schaffhausen und sitzt seit 1925 im Nationalrat. Bringolf hat ein besonderes Verhältnis zu den KommunistInnen. Er war fast zehn Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei und gründete aus Kritik am Stalinismus 1930 die Kommunistische Partei-Opposition. Diese vereinigte sich 1935 mit den SozialdemokratInnen.

Kobe schreibt anderentags noch einen Brief an Bringolf. Darin berichtet er Bringolf, dass er für Sperling bereits zweimal eine Versetzung von Regensdorf in ein Arbeitslager für Flüchtlinge beantragt habe. Trotz guten Führungszeugnisses durch den Direktor sei dies jedoch verweigert worden. Ihm sei zudem von zwei Beamten der Fremdenpolizei klargemacht worden, dass die Versetzung in ein Arbeitslager nicht infrage komme, weil Sperling ein «politischer kommunistischer Agitator» sei. Seine Ausschaffung werde erwogen. Kobe nennt Bringolf in seinem Brief auch noch die Namen von anderen KommunistInnen, die er betreut und von denen er glaubt, dass sie auch von der Ausschaffung bedroht sind. Darunter befindet sich Elvira Nieper.

Bringolf verständigt Hans Oprecht, den Parteipräsidenten der SP, über den Fall. Ausserdem verlangt er bei den zuständigen Behörden eine Aussprache. Er trifft Rothmund am 20. April und Bundesrat von Steiger am 22. April. Darüber berichtet er Willi Kobe eine Woche später in einem Brief: «Der Fall Sperling hat hohe grundsätzliche Bedeutung. Von seiner Entscheidung hängt mehr oder weniger das Schicksal aller übrigen ähnlichen Fälle ab. Die Ausweisung ist bereits vom Bundesrat beschlossen. Seine Ausschaffung war geplant, und man beabsichtigte, ihn an die deutschen Polizeiorgane zu übergeben.» Und weiter schreibt Bringolf: «Zweifelsohne haben die Interventionen von Dr. Oprecht und von mir eine gewisse Wirkung gehabt. Allein bestimmte Zusicherung, die beruhigen könnte, sind uns nicht gegeben worden. Wir werden die Sache mit Blick auf ihre grundsätzliche Bedeutung selber weiterverfolgen.»

Tatsächlich befasst sich jetzt auch der Parteivorstand der SP mit der Angelegenheit und beschliesst in seiner Sitzung vom 23. Mai 1942, dass eine Delegation, zu der auch Bringolf und Oprecht gehören, nochmals mit Bundesrat von Steiger sprechen soll. Die Bemühungen sind erfolgreich. Im Protokoll der darauffolgenden Vorstandssitzung vom 11. Juli wird berichtet, dass von Steiger eine Zusicherung gegeben habe. Niemand solle ausgeliefert werden.

Trotzdem bleibt Sperling noch bis Anfang 1943 in der Strafanstalt Regensdorf in einer Einzelzelle inhaftiert. In der Einsamkeit schreibt er Gedichte, die er später dem Schutzverband der deutschen Schriftsteller übergeben wird. Gelegentlich kann ihn seine Freundin Lydia Hug besuchen. Über das Weltgeschehen wird er auch von einigen ihm freundlich gesinnten sozialdemokratischen Gefängniswärtern auf dem Laufenden gehalten. Adolf Hitlers Armeen sind inzwischen tief in die Sowjetunion einmarschiert. Im Herbst 1942 kommt es - endlich - zu einer Gegenoffensive der Sowjettruppen bei Stalingrad. Sperling wird später sagen, dass er nie am Sieg der Sowjetunion gezweifelt habe und dass ihn die Gegenoffensive vor der Ausschaffung bewahrt habe.

Arbeitslager in Gordola

Im März 1943 wird Sperling in das Sonderlager für sogenannte Linksextremisten nach Gordola (Tessin) verlegt. Hier trifft er einen grossen Teil seiner Genossen wieder, die wie er zuvor in Zuchthäusern und anderen Lagern untergebracht waren. Die Lagerinsassen werden zu landwirtschaftlichen Arbeiten herangezogen, müssen das Flussbett der Verzasca von Steinen räumen und einen 600 Meter langen Damm in der Magadinoebene bauen. Trotz vieler Einschränkungen durch die Lagerleitung kann sich die KPD neu strukturieren. Sperling wird nach seiner Ankunft in die neu gebildete Parteileitung gewählt.

Unter den Lagerinsassen befinden sich auch Italiener und Österreicher. Nicht alle gehören einer Kommunistischen Partei an, auch einige Sozialdemokraten und Anarchisten sind dabei. Zudem gibt es Insassen, die von der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden sind, etwa weil man sie des Trotzkismus beschuldigte. Diese werden im Lager von vielen gemieden und ausgegrenzt. Die KPD-Leitung dringt darauf, dass alle Insassen ihre Arbeiten gewissenhaft erledigen. Ziel ist es, dadurch Schritt um Schritt Vergünstigungen von der Lagerleitung zu erwirken. Tatsächlich äussern sich Beamte lobend über die Arbeitsleistung in Gordola, auch wenn sie die Taktik dahinter durchschauen. Als Entgelt für die Arbeit bekommen die Insassen einen kleinen Sold. Davon kaufen sie teilweise Esspakte für die Lagerinsassen in Südfrankreich, die unter dem Vichy-Regime ein viel härteres Los als die EmigrantInnen in der Schweiz zu erleiden haben. Den Transport der Esspakete organisiert das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH. Ausserdem basteln einige Lagerinsassen in ihrer Freizeit auch Spielzeug für Flüchtlingskinder.

Trotz der schweren körperlichen Arbeit finden die Lagerinsassen auch Zeit, Theaterstücke einzustudieren und vor der lokalen Bevölkerung aufzuführen. Ausserdem werden Vorträge und Lesungen veranstaltet.

Die Parteileitung in Gordola versucht, zu den übrigen KPD-Mitgliedern in der Schweiz Kontakt zu halten. Mitglieder der illegalen Schweizerischen Kommunistischen Partei fungieren dabei als Kuriere, so etwa Lydia Hug. Auch die inzwischen unter Kontrolle in einem Kinderheim arbeitende Susanne Schüle darf hin und wieder ihren in Gordola internierten Verlobten Bernhard Kuderer besuchen und kann so Informationen weitergeben. Auch viele der weiblichen KPD-Mitglieder in der Schweiz leben in Lagern, so Elvira Nieper, die Anfang 1943 im Interniertenheim Bienenberg bei Liestal wohnt. Sie ist allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits hochschwanger und wird bald darauf entlassen. Nach einigen Hindernissen, die ihr der Schweizer Staatsschutz in die Wege legt, kann sie schliesslich heiraten und wird eingebürgert, da ihr Angetrauter Schweizer ist. Ihren ersten Sohn mit Fritz Sperling, der in einem Kinderheim in der Sowjetunion aufwächst, wird sie erst anlässlich eines Besuches in Moskau 1959 wiedersehen.

Bewegung Freies Deutschland

Im Verlauf des Jahres 1943 wird ein Sieg der Alliierten Truppen über Deutschland langsam absehbar. In diesem Herbst gründet die KPD die Bewegung Freies Deutschland (FD) in der Schweiz. Vorbild dazu ist das Nationalkomitee Freies Deutschland, das in der Sowjetunion entstanden ist. Diese volksfrontähnlichen Zusammenschlüsse sollen eine Art Keimzelle für das neue Deutschland nach dem Krieg sein. Als Aushängeschild des FD in der Schweiz fungieren zu Beginn der Schauspieler Wolfgang Langhof sowie der Gewerkschafter Karl-Hans Bergmann. Beide sind KPD-Mitglieder, können sich aber in der Schweiz frei bewegen. Schon bald gibt das FD regelmässig eine Zeitung heraus und stösst bei vielen deutschen EmigrantInnen auf Zustimmung.

Im Februar 1944 wird das Lager in Gordola aufgelöst, die Insassen werden ins jurassische Bassecourt verlegt. Die Bundesanwaltschaft bewilligt jetzt zunehmend mehr Urlaubsgesuche. Die KPD-Leitung nützt dies für konspirative Arbeit. Sperling trifft sich regelmässig mit dem FD-Präsidenten Bergmann im Zürcher Café Odeon. Bergmann berichtet ihm über die Arbeit in der FD und rechnet die Mitgliederbeiträge ab. Er schreibt später über Sperling, dass diesem der Ruf vorausging, «unbedingt zuverlässig und unbestechlich» zu sein. Er habe sich in den Führungspositionen der Partei aufgrund seines «ausgeglichenen Wesens» behaupten können. «Endlosen Diskussionen und unaufhörlichen Reibereien der Emigranten untereinander begegnete er unbeeindruckt mit ‹dem Lächeln eines Buddhas›, um schlussendlich mit einer kurzen, sachlichen Sentenz jede Auseinandersetzung zu beenden.» Sperling sei letztlich ein «Gläubiger aus innerster Überzeugung» gewesen, «ein Träumer in dem Sinne, dass er die Partei als seine ewige Geliebte betrachtete, mit der er sich durch unlösbare Bande verbunden fühlte».

Die KPD-Leitung will 1944, als sich der Zusammenbruch des Naziregimes immer deutlicher abzeichnet, dauerhaft GenossInnen nach Deutschland schicken, um dort von innen den Widerstand aufzubauen. Allerdings ist die Leitung in ihren Entscheidungen nicht frei. Seit 1940 hält sich Paul Bertz in Basel versteckt. Er ist Mitglied des Zentralkomitees der Partei und steht dadurch in der Hierarchie über der Abschnittsleitung. Er muss in allen wichtigen Fragen konsultiert werden. Ausserdem laufen über ihn die Kontakte zur Parteispitze und den anderen Abschnittsleitungen. Bertz ist es auch, der vom US-amerikanischen Hilfswerkvertreter Noel Field regelmässig Geld für die Parteiarbeit erhält. Noel Field spielt in der EmigrantInnenszene eine wichtige Rolle. Der überzeugte Kommunist leitet in Europa das Hilfswerk der Unitarischen Kirche der USA.

Bertz ist gegen einen Landeinsatz und verweigert der Abschnittsleitung jede finanzielle Hilfe dazu. Diese entscheidet sich schliesslich, ohne ihn aktiv zu werden. Sie schreibt Noel Field einen Brief und bittet ihn, sich mit Sperling am 24. September 1944 um 12 Uhr in Biel konspirativ vor dem Stadttheater zu treffen. «Tragen sie bitte in der rechten Rocktasche eine ‹Schweizer Illustrierte› (welsche Ausgabe). F.S. wird Sie um Feuer für seine Zigarette bitten.» Doch Field antwortet auf den Brief mit einer Absage. Er macht klar, dass nur der direkte Kontakt mit Bertz für ihn infrage kommt - die Parteihierarchie ist zu respektieren.

Sperling wird Noel Field nie persönlich kennenlernen. Dennoch bleibt sein weiteres tragisches Schicksal eng mit dessen Namen verflochten.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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