Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Das zielstrebige Mehrhitwunder

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Noch bevor sie sprechen konnte, summte sie Melodien aus dem Radio nach, so erzählt es ihre Mutter. Die Musik hatte haushohen Stellenwert: Der Vater hatte einen Rekorder, mit dem sie Lieder aufnehmen konnte, im grossen Haus in New Jersey gab es ein Klavier, und bei den Partys ihrer Eltern traten sie und ihr kleiner Bruder als UnterhalterInnen auf.

Als ihre Eltern sie mit elf Jahren an den Broadway ins Musical «My Fair Lady» mitnahmen, wusste sie, dass sie Sängerin werden wollte. Mit fünfzehn nahm sie sich in New York einen Gesangscoach. Ihre Eltern betrachteten das Berufsziel ihrer Tochter skeptisch, doch versprach ihnen das Mädchen, sie würde, egal was passierte, die Schule fertig machen.

Mit sechzehn nahm sie ein Demotape auf, das über mehrere Schreibtische ging und per Zufall bei Quincy Jones landete. Der Produzent war begeistert von ihrer Stimme und nahm einen Song mit ihr auf, der sie 1963 über Nacht zum Star machte; die Sechzehnjährige sang darin von einer Party, an der sie von ihrem Freund versetzt wurde. Das Lied wurde zum Nummer-eins-Hit – doch die Sängerin blieb kein Einhitwunder. Zwei Jahre später folgten der nächste Hit und der Imagewandel: Nun trauerte sie nicht mehr einem Mann nach, sondern besang in emanzipatorischen Zeilen ihre Eigenständigkeit als Frau und dass sie kein Spielzeug sei. Danach zog sie sich aus dem Musikbusiness zurück und löste das Versprechen an ihre Eltern ein – sie schloss die Schule ab und arbeitete bis zu Robert Kennedys Ermordung in dessen Wahlkomitee.

Als sie sich Anfang der Siebziger wieder der Musik zuwandte, wirkten ihre Songs neben all den Protestsongs und Figuren wie Janis Joplin veraltet. Doch sie behauptete sich in der männerdominierten Musikwelt, komponierte – einer ihrer Songs wurde in den Achtzigern für einen Oscar nominiert –, setzte sich für Frauenrechte ein und moderierte ab 2004 die Fernsehserie «In the Life», in der Homosexuelle mit ihren Geschichten zu Wort kamen. Sie hatte da schon seit Jahren mit einer Frau zusammengelebt – was sie jedoch erst in den nuller Jahren öffentlich machte.

Wer war die zielstrebige Musikerin, die 2015 an Lungenkrebs starb, obwohl sie nie geraucht hatte?

Wir fragten nach Lesley Gore. Das Lied, mit dem sie 1963 berühmt wurde, ist «It’s My Party», ihr zweiter Hit «You Don’t Own Me». 1980 komponierte Gore gemeinsam mit ihrem Bruder Michael Gore das Lied «Out Here on My Own» für das Musical «Fame». Das Stück wurde zwar für einen Oscar nominiert, es gewann jedoch der Titelsong des Musicals, den ihr Bruder alleine komponiert hatte.

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