Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Ein Ruck durchs Land

Von Daniela Janser

Viele wehklagen dieser Tage, sie würden die Welt nicht mehr erkennen. Wir können sie zumindest diesbezüglich beruhigen: Die Welt ist immer noch dieselbe. Sie ist jetzt einfach mit Leuchtstift markiert. Ein einmaliger Moment, ein Crashkurs in Weltverstehen quasi.

«Systemrelevant» ist kein schönes Wort. Doch hat es den Vorteil, dass es schlagartig klarmacht, wer die wirklich wichtige Arbeit leistet. Und Überraschung! Es sind in überwiegender Mehrheit nicht die mit den fetten Löhnen. Im Gegenteil. Wer sich nicht schon längst in eine einigermassen sichere Wohnung zurückgezogen hat, gehört fast durchs Band in die Niedriglohnkategorie: Pflegefachleute, VerkäuferInnen, Putzfrauen und -männer, Müllmänner, Handwerkerinnen im Aussendienst stehen weiterhin zuvorderst an der Ansteckungsfront. Noch ärmer dran sind die zusammengepferchten Geflüchteten in Asylunterkünften, die Social Distancing und korrekte Coronahygiene höchstens von den Merkblättern des Bundes her kennen.

Klarer war Klassengesellschaft kaum je sichtbar, Corona sei Dank. Klar dürfte auch sein: Dieser Notstand ist viel älter als die nun akute Krise – und er wird sich nach dem Ausnahmezustand auch nicht in Luft auflösen. Nichts gegen die Klatschübungen auf den Balkonen vor unserem Homeoffice. Das ist schon recht, eine rührende symbolische Geste des Danks und so. Lassen wir uns einfach nicht zu sehr einlullen von der eigenen Gerührtheit. Denn uns ist hoffentlich schon klar, dass auf dieses Klatschen Taten folgen müssen: harte Lohnverhandlungen, radikale Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Systemwandel. Frau Sommaruga soll sich wundern, wie der wirkliche Ruck ausschaut, der dann durchs Land geht.

Und merken wir uns unbedingt diejenigen, die nun plötzlich von Solidarität schwätzen, obwohl sie das Wort früher nicht mit dem Stecklein angerührt hätten. Es kommt hoffentlich bald der Moment, wo wir diese Solidaritätsforderung in der politischen Debatte wie ein Geschoss zurückschleudern können.

Merken wir uns auch all die VillenbesitzerInnen, die nun so tun, als sässen wir alle im selben Boot. Sobald wir wieder rauskönnen, legen wir uns an eure Pools!

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