Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Abschweifen mit Drake

Von David HunzikerMail an AutorIn

Sie beackern ihre Gärtchen und Balkonbeete oder karren Unmengen Grünfutter aus dem Supermarkt herbei – die Nachfrage nach frischem Gemüse ist hierzulande um ein Drittel gestiegen. Und sie haben das Kochen wiederentdeckt, von Ottolenghi bis Wildeisen – die Klickzahl einer beliebten Schweizer Rezeptseite hat sich glatt verdoppelt. Es lebt sich nicht nur ungemein gesund inmitten dieses Booms von Selbstgezogenem und Selbstgemachtem, es ist auch ungemein gemütlich in den tollen Wohnungen und auf dem sonnenbeschienenen Umschwung. Und es schnürt einem fast die Kehle zu ob all dieser biologischen Heimeligkeit. In die Ferne möchte man da schweifen – oder zumindest ins Internet.

Da kommt Drake gerade richtig. Der Rapper und Sänger hat einen Song veröffentlicht, der auf so charmante Art die Ödnis des Quarantänelebens einfängt, dass man ihn zum Kunstwerk der Stunde erklären will: «Toosie Slide» ist nach einem simplen Tanz benannt, entwickelt vom Choreografen Toosie. Es sieht unglaublich gelangweilt aus, wie Drake alleine zwischen den Marmorwänden seiner Villa diesen Tanz aufführt und dazu die tubelisicheren Anweisungen gibt: rechten Fuss hoch, linken Fuss hoch, dann zur Seite rutschen. «Ich könnte wie Michael Jackson tanzen», singt Drake – ja, könnte, aber das wäre viel zu anstrengend.

Ein bisschen ausgefuchster ist dieses Stück mit seinem nachlässig gedichteten Text dann doch. Es geht hier nämlich gerade nicht ums Zelebrieren der Isolation und des privaten Glücks, sondern um globale Verbundenheit. Entwickelt wurde der «Toosie Slide» für die Video-App Tiktok, mit der Songs über viral verbreitete Tanz- und Playbackvideos zu globalen Hits aufsteigen. Die einfachen Tanzschritte, der unaufdringliche Beat – es ist klar, wie Drake hier kalkuliert. Doch während wir ein paar Kids in Atlanta beim Tanzen zusehen, werden wir immerhin daran erinnert, dass es noch eine Welt jenseits des eigenen Gärtchens gibt.

Während der Bundesrat Pflanzenläden noch nicht als systemrelevant anerkennt, öffnen die Gartencenter in Österreich demnächst wieder. Die Lösung liegt auch hier jenseits der Grenze.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch