Nr. 19/2020 vom 07.05.2020

Endlich Teil der Krise

Der Schweizer Pharmamulti Novartis propagiert ein vermutlich nutzloses Medikament gegen Covid-19. Das Mittel wird an Spitälern kritisch betrachtet. Der Aktivismus dürfte sich für den Konzern trotzdem lohnen.

Von Renato BeckMail an AutorIn

Die grossen Player der Pharmaindustrie standen in der Coronapandemie bislang im Abseits. Keine brauchbaren Medikamente, kaum Therapieansätze, wenig Expertise für die Entwicklung eines Impfstoffs. Und doch kann die Branche optimistisch in die Zukunft blicken. Das glaubt Gerd Glaeske, Pharmakologe und Institutsleiter an der Uni Bremen: «Die Pharma wird zu den grossen Krisengewinnern zählen.» Glaeske forscht zu Gesundheitsökonomie, er berät die Politik und ist gefragter Gast im Fernsehen.

Warum der Optimismus berechtigt ist, lässt sich am Beispiel Novartis zeigen. Der Konzern sucht seit Wochen nach einem Platz in der Krisenbewältigung. Weil die Impfstoffsparte 2014 verkauft und die antivirale Forschung 2018 eingestellt wurde, war lange unklar, ob Novartis einen Beitrag würde leisten können. Mitte März meldete sich der Konzern mit einem Hilfsfonds über zwanzig Millionen US-Dollar, um «stark betroffene Gemeinschaften» zu unterstützen – die Resonanz fiel bescheiden aus.

Erschreckende Befunde

Doch dann kam Donald Trump, und Novartis sah seine Stunde gekommen. Nachdem eine rechte US-Talkshow das in den 1930er Jahren synthetisierte Malariamittel Hydroxychloroquin (HCQ) als Wundermittel gegen das Virus angepriesen hatte, nannte Trump HCQ einen «game changer». HCQ würde, das habe eine französische Studie gezeigt, Covid-19-Kranke heilen und Todesfälle verhindern.

Novartis, einer der Hauptproduzenten der Arznei, nutzte die Gelegenheit. Die Firma spendete 130 Millionen Dosen HCQ in alle Welt. 30 Millionen gingen allein in die USA, auch die Schweizer Armeeapotheke wurde reich bedacht. Pharmaforscher Glaeske sagt dazu, es erinnere ihn an die Zeiten, als erste Aidsmedikamente auf den Markt kamen: «Die Hersteller verschenkten sie nach Afrika und profitierten vom Imagegewinn.»

Zwei Wochen nach Trumps Werbespot erklärte Novartis-CEO Vas Narasimhan in der «SonntagsZeitung», er habe grosse Erwartungen an HCQ. Er sagte: «Präklinische Studien mit Tieren sowie erste Daten aus klinischen Studien zeigen, dass es das Coronavirus tötet.» Zu jenem Zeitpunkt war aber längst mehr als zweifelhaft, ob HCQ irgendeinen Nutzen bringt. Die Fachwelt distanzierte sich von der ursprünglichen Studie aus Marseille, diese war lückenhaft, schien manipuliert. Gleichwohl sagte Narasimhan, das Unternehmen würde zusammen mit Schweizer Spitälern «mögliche Behandlungsprotokolle für den Klinikeinsatz», also konkrete Anwendungsrichtlinien prüfen. Wenig später kamen aus Brasilien erschreckende Befunde. Eine Studie musste abgebrochen werden, weil PatientInnen Herzrhythmusstörungen entwickelten. Novartis sagt heute: «Bezüglich Studienresultaten ist es noch zu früh, um endgültige Schlüsse zu ziehen.» Zwar gebe es Behandlungsprotokolle an den Spitälern, Novartis sei aber nicht involviert.

Am Unispital Basel wurde HCQ zunächst breit an PatientInnen verteilt. Mittlerweile geschieht das nur noch im engen Rahmen von Versuchen der Weltgesundheitsorganisation. Chefinfektiologe Manuel Battegay sagt: «Wir haben keine ersichtliche Wirkung bei schwer kranken Patienten festgestellt.» Es sei gut, Hoffnungen in Therapien zu haben, «aber es ist nicht gut, dass Hoffnungen ohne Datengrundlage geschürt werden».

«Der Druck war enorm»

Skeptisch ist man auch am Inselspital Bern. Hansjakob Furrer, Direktor der Infektiologie, sagt, er habe kaum je einen solchen Hype wie um potenzielle Mittel gegen Covid-19 erlebt. Auch die Studie aus Marseille sei in seinem Spital diskutiert worden. Furrer war angesichts der Schwächen der Studie unwohl dabei: «Wir haben entschieden, dass wir mit all den Mitteln aufhören, deren Nutzen nicht bewiesen ist.»

Furrer sagt: «Der Druck – auch aus der Ärzteschaft – war enorm, unsichere Sachen auszuprobieren.» Dabei habe sich gezeigt, dass fürs Überleben vor allem die richtige Pflege und die nötigen Gerätschaften auf den Intensivstationen entscheidend seien. Auch Novartis-CEO Vas Narasimhan schlägt mittlerweile leisere Töne an. Vergangene Woche erklärte er, es mangle an soliden Daten, um Therapieansätze bewerten zu können.

Sein Aktivismus könnte sich gleichwohl auszahlen. Gerd Glaeske von der Uni Bremen sagt, Novartis brauche dringend gute Presse: «Denken Sie an die Kontroverse um das teuerste Medikament aller Zeiten, Zolgensma, oder die Prozesse um Preisabsprachen in den USA.» Verantwortung in einer globalen Krise zu demonstrieren – «das ist von unschätzbarem Wert».

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