Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

E-Voting-Pleite: Schulden als Sicherheitsrisiko

Von Florian Wüstholz

Bad News für E-Voting: Vergangene Woche hat die spanische IT-Firma Scytl in Barcelona Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen, das mit der Schweizer Post ein E-Voting-System für die Schweiz entwickelte, sitzt auf 75 Millionen Euro Schulden. Dabei ist Scytl offenbar so marode, dass niemand mehr in die Firma investieren will. Als einziger rettender Strohhalm lockt gemäss spanischen Quellen der Ausverkauf an einen US-amerikanischen Investmentfonds.

Sind die Träume vom Schweizer E-Voting damit endgültig geplatzt? Immerhin ist das von Scytl programmierte System das einzige noch verbliebene – 2019 stellte der Kanton Genf die Eigenentwicklung der letzten Alternative ein. Doch die Post wiegelt ab. Man sei von der Insolvenz nicht betroffen. «Wir haben uns im Spätsommer 2019 entschieden, das E-Voting-System unabhängig zu entwickeln», sagte Mediensprecher Oliver Flüeler gegenüber den CH-Media-Zeitungen. Dabei sind die Rechte am Scytl-System auf den letzten Drücker übernommen worden – der Vertrag wurde gemäss Flüeler im April unterschrieben.

Ein Happy End ist das kaum. Die Insolvenz des wichtigsten Technologiepartners wirft Fragen auf. «Wie konnte ein Unternehmen mit solchen Schulden Vertrag um Vertrag erhalten?», fragt Sicherheitsforscherin Sarah Jamie Lewis, die kritische Sicherheitslücken im E-Voting-System von Scytl aufdeckte (siehe WOZ Nr. 45/19). «Und warum durfte es in so vielen Ländern kritische Wahlinfrastruktur betreiben?» Zur Unternehmensprüfung im IT-Sicherheitsbereich gehört eigentlich ein genauer Blick auf Finanzgeschichte, ausstehende Schulden und Liquidität. Denn: «Finanzielle Verwundbarkeit gilt als Sicherheitsrisiko», schreibt Lewis auf Twitter.

Mit der Übernahme der Rechte hat die Post auch hier wohl gerade noch die Kurve gekriegt. Dabei geht sie jedoch selbst finanzielle Risiken ein. So erklärt Flüeler, dass man daran sei, das eigene Entwicklungsteam für E-Voting auszubauen – obwohl das Projekt schon heute jährliche Verluste von fünf Millionen Franken schreibt. Nur ein flächendeckender Einsatz von E-Voting dürfte das wieder reinholen.

Angebracht wäre es, die Bevölkerung zunächst zu fragen, ob sie E-Voting denn überhaupt will. Denn die Kosten trägt sie sowieso: entweder über Steuern oder – im Falle einer Abschreibung – als kollektive Mitbesitzerin der Post.

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