Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Apfelbäumchen, systemrelevant

Ruth Wysseier sieht noch kein Ende der Welt

Von Ruth Wysseier

Erinnern Sie sich noch an letzten Herbst, als diskutiert wurde, ob es für BundesbeamtInnen zumutbar sei, zu Konferenzen nach Berlin oder Madrid mit der Bahn zu fahren statt zu fliegen? Und als die Klimadebatte so richtig hitzig und gehässig wurde und man die einen naiv schimpfte, weil sie an die Eigenverantwortung appellierten, wo doch nur internationale politische Lösungen etwas ändern könnten? Eines war klar: Es bräuchte einen radikalen Einschnitt in unseren Lebensstil, dringend.

Und dann ist er gekommen, so radikal, wie es sich niemand vorher vorstellen konnte. Nun nehmen wir plötzlich an einem Experiment teil, ungefragt – oder haben teilgenommen, denn mit den Lockerungen geht die strenge Versuchsanordnung schon wieder zu Ende. Welche Erkenntnisse ziehen wir aus den Erfahrungen der letzten Monate? Was hat den Leuten am meisten gefehlt von all den Dingen, die sie nicht mehr tun durften?

Sehr befremdlich schien mir der Entscheid des Bundesrats, dass Blumen, Pflanzen und Setzlinge nicht zu den Grundbedürfnissen gehören. Mit dieser Ansicht war ich nicht allein, das zeigten die Schlangen bei der Wiedereröffnung der Gartencenter. Aber auch der Bundesrat war mit seiner Meinung nicht allein, das las ich in den vielen hämischen Kommentaren, die sich über die Pflanzenbedürftigen ergossen. Sie kamen von Leuten, die von Worten leben, von meinen intellektuellen Social-Media-FreundInnen und Medienschaffenden.

Wer einen Garten anlegt, glaubt an die Zukunft, heisst es. Und ein bekanntes Luther-Zitat, das ziemlich sicher nicht von ihm stammt, besagt: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.» Das passe nicht zu seiner Gedankenwelt, schreibt ein Theologe, Luther habe nämlich geglaubt, das jüngste Gericht fahre noch zu seiner Lebzeit herunter. Seis drum, ich halte es sowieso nicht so mit der Religion.

Aber eine andere Geschichte kam mir wieder in den Sinn: Vor 36 Jahren, im Mai 1986, kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl, besuchten wir Fiammetta Inga, eine legendäre Winzerin am Lago Trasimeno. Sie zweifelte am Sinn ihrer Arbeit angesichts der radioaktiven Wolken, die der Wind bis nach Umbrien getragen hatte. Aber den Rebberg aufgeben? Im Spätmittelalter hätten italienische Adlige, die ihre Stadtstaaten mit Söldnerheeren verteidigten, den Soldaten ein Stück Land geschenkt unter der Bedingung, dass sie darauf Reben pflanzten, erzählte Fiammetta. So sollten sie sesshaft werden, anstatt gegen bessere Bezahlung die Seiten zu wechseln. Einen Rebberg anlegen ist harte Arbeit und ein Versprechen für die Zukunft. Es dauert drei, vier Jahre bis zur ersten Ernte, und dann ist es zu spät: Man hat sein Herz verloren und Wurzeln geschlagen.

Als diesen Frühling alles stillstand, kümmerte das die Reben nicht. Sie schlugen aus, wuchsen, nun sieht man den Fruchtstand, bald blühen sie. Wie seit etwa 8000 Jahren.

Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee. Sie grüsst alle Schreber-, Balkon- und FenstersimsgärtnerInnen.

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