Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Fluglärm ist schöner als Applaus

Von David Hunziker

Die Anfrage endet mit «ganz» herzlichen Grüssen, noch mehr Schreibfehlern und einem Smiley: «Wir würden uns freuen von ihnen zu hören :-)» Ist das vielleicht Hohn, der da aus dem netten Emoji blitzt? Jedenfalls ist die Aktion weder Fake noch Witz. Der Flughafen Zürich hat letzte Woche tatsächlich diese Anfrage an verschiedene MusikerInnen verschickt: Für «Strassenkünstler und Strassenmusiker» werde man dieses Jahr während der Ferienzeit eine «einmalige Ausnahme» machen und die Zuschauerterrasse für Konzerte freigeben – mit «einmaliger Aussicht auf das Fluggeschehen», wo es normalerweise «strikt verboten» sei, aber «sicher sehr attraktiv» wäre aufzutreten. Sogar mehrere Auftritte sind erlaubt! CDs verkaufen und Kollekte einziehen ebenfalls!

So viele Ausnahmen, so viel Grosszügigkeit – da vergisst man ja glatt, nach einer Gage oder nur schon einer Soundanlage zu fragen. Noch mehr als die schlampig getexteten Sätze irritiert die Dreistigkeit des Angebots. Da hat die Myevent-Agentur, eine auf DJ-Bookings spezialisierte Bude aus St. Gallen, die fürs Musikprogramm auf der Flughafenterrasse sorgen soll, die MusikerInnen wohl für recht dumm gehalten. Oder, noch schlimmer: Man dachte, nach mehreren Monaten ohne Auftrittsmöglichkeiten sind die wohl so ausgeblutet, dass sie sich auf jeden schäbigen Deal einlassen. Das ist erniedrigend – und zynisch: Die Flugbranche, die gerade mit staatlichen Milliarden vor dem Absturz bewahrt wurde, bittet die Musikschaffenden darum, ihr Sommergeschäft mit Gratisarbeit und guter Laune zu stimulieren – und verkauft das Ganze noch als grosszügige Geste.

Was hinzukommt: Wenn für Konzerte die gleich laxen Abstandsregeln gelten würden wie für Flugzeuge, könnten MusikerInnen auch wieder anständig verdienen. Liebe Flugindustrie, wie wärs also mit diesem Vorschlag zur Güte? Ihr bestückt ein paar in Dübendorf gestrandete Swiss-Maschinen mit Bühnen, lasst sie gleich dort stehen und drückt einen Teil eurer Subventionen für «sehr attraktive» Kabinenshows ab?

Und falls keinE MusikerIn auf euer Angebot reinfällt, könnt ihr ja Brian Enos «Ambient 1 (Music For Airports)» abspielen. Tantiemen nicht vergessen.

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