Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Perfekt enttäuschte Erwartungen

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Das Internet hat notorisch schlechte Presse, alle paar Tage wird es für das halbe Elend dieser Welt verantwortlich gemacht: Hass, Zwietracht, Lügen, Büsivideos, Donald Trump. Dabei ist dieses Internet viel raffinierter als sein Ruf. Genauso wie die Jugend, die ihren SchlechtmacherInnen ebenfalls gern via Rückspiegel zuwinkt. Beweis gefällig? Nehmen wir den Stunt gegen Trump per Videoapp Tiktok, einer Plattform, die bislang noch weitgehend unter dem Radar von Erwachsenen operiert. Auf Tiktok soll dazu aufgerufen worden sein, Gratistickets für Trumps erste Wahlkampfrallye nach dem Shutdown zu reservieren – natürlich ohne jede Absicht, hinzugehen.

Zu Hunderttausenden folgten die Kids diesen Appellen, die nach kurzer Zeit wieder gelöscht wurden, um Spuren zu verwischen. Der Präsident prahlte derweil zufrieden, es seien Bestellungen für fast eine Million Tickets eingegangen. Als er dann in Tulsa, Oklahoma, auf die Bühne walzte, war die Halle auffallend leer, die geplante Aussenshow musste wegen Publikumsmangel gar ganz abgesagt werden. Ein schmerzhafter Tritt in Trumps grösstes Organ: seine Eitelkeit. Danke, Teenies! Danke, Spassapp! Nicht ernst genommen zu werden, kann eine prima Waffe sein.

Aber nicht nur clevere Pubertierende, auch weise Greisinnen wissen das Netz zu nutzen – wie soeben das Wettlesen um den Bachmannpreis gezeigt hat, das wegen der Pandemie vornehmlich im virtuellen Raum stattfinden musste. Die achtzigjährige Helga Schubert gewann verdient den Hauptpreis, und als sie gefragt wurde, wie sie den Literaturwettbewerb unter Coronabedingungen erlebt habe, erwarteten wohl viele Wehklagen über sterile Videolesungen. Doch nichts dergleichen. Schubert war im Gegenteil begeistert über die dezentrale Netzveranstaltung. Ja, sie hätte anders gar nicht teilnehmen können, weil sie ihren pflegebedürftigen Mann nicht allein lassen wollte. So verwandelte sich die digitale Notlösung für sie flugs in eine «schutzengelmässige Schicksalswendung».

Was den Tiktok-Teens im Hinblick auf die «Begrenzungsinitiative» der SVP wohl so einfällt?

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