Nr. 27/2020 vom 02.07.2020

Wer steckt hinter Heidi?

Annette Hug versucht, die Zeichen an der Wand zu deuten

Von Annette Hug

Zuerst dachte ich, das Bild sei Teil einer Kunstausstellung. Es ist an der Aussenwand des Cabaret Voltaire zu sehen, das im Zürcher Niederdorf an die Dadabewegung erinnert. Auf der grobkörnigen Fassade ist ein feines Textil oder Papier aufgetragen mit einem Bild von Heidi darauf. Die Mädchenfigur aus dem japanischen Zeichentrickfilm hält lächelnd ein Zicklein in den Armen. Daneben stehen zwei chinesische Schriftzeichen: 白左.

Ein Mitarbeiter des Museums sagt, die Illustration sei irgendwann einfach da gewesen. Sie habe keinen Bezug zur aktuellen Ausstellung der Zürcher Künstlerin Sitara Abuzar Ghaznawi, die Objekte aus dem Leben und dem Werk der Dadamitbegründerin Emmy Hennings mit eigenen Arbeiten kombiniert. Er vermute, sagt der Mitarbeiter, dass es sich bei dem Bild an der Fassade um einen Code aus der japanischen Popkultur handle.

Das könnte durchaus sein. Die chinesischen Zeichen 白左 finden auch im Japanischen Verwendung. Mir fielen sie allerdings wegen ihrer Bedeutung im Chinesischen auf. 白 wird auf Mandarin «bai» ausgesprochen und heisst «weiss». 左 wird «zuo» ausgesprochen und heisst «links». Baizuo sind «weisse Linke» in einem politischen Sinn.

Der Begriff kursiert als Schimpfwort im chinesischen Internet und nimmt ganz unterschiedliche Stimmungslagen auf. Am ältesten ist wohl die Kritik an einer westlichen Politik, die im Gefühl moralischer Überlegenheit Menschenrechte einfordert, aber gleichzeitig andere Länder wirtschaftlich ausbeutet oder militärisch destabilisiert. 2015 wurde Angela Merkel zum Inbegriff einer «weissen Linken» – womit der Ausdruck eine überraschende Nähe zum SVP-Diktum von den «Linken und den Netten» erhielt. Er steht für das Zerrbild naiver und gutgläubiger EuropäerInnen, die sich mit Flüchtlingen solidarisieren und der angeblichen Zersetzung einer erfolgreichen Zivilisation durch die Einwanderung religiös geprägter Menschen nichts entgegensetzen. Noch bedrohlicher erscheint mir die triumphalistische Rede von der Dekadenz des Westens, der Verweichlichung der EuropäerInnen in ihren Wohlfahrtsstaaten. Dagegen feiern auch sehr junge Leute den Aufstieg Chinas durch Disziplin und eisernen Leistungswillen.

Selbst Barack Obama soll schon als Vertreter der «weissen Linken» gehandelt worden sein. Es geht also nicht um Hautfarbe, sondern um eine politische Orientierung an demokratischen und rechtsstaatlichen Werten. So kommt Baizuo auch als Schmähung von ChinesInnen zum Einsatz, die sich kritisch zur Situation im eigenen Land äussern.

Aber wer setzt diese zwei Schriftzeichen neben ein Heidi und verziert damit das Cabaret Voltaire in Zürich? Macht sich da jemand über das Dadamuseum lustig? Oder spielt eine anonyme Künstlerin darauf an, dass einer der Schöpfer des japanischen Heidi-Trickfilms, Isao Takahata, ein erklärter Pazifist war und ein Linker? Er sah die Grossmachtpolitik Japans im Rückblick auf seine Kindheit im Krieg als eine Katastrophe nicht nur für die Nachbarstaaten, sondern auch für die eigene Bevölkerung. Hat Takahatas globalisiertes Heidi das Schimpfwort «Baizuo» positiv umgedeutet und sich zu eigen gemacht? Oder ist das alles nur dem Zufall geschuldet, einem Grafikset einfacher Zeichen, die man auch an eine Wand stempeln kann, wenn man sie nicht versteht?

Annette Hug ist Autorin und lebt in Zürich. Ihr Mann attestiert ihr einen Tunnelblick, weil sie überall Ostasiatisches erblickt.

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