Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

Wirkungsloser Grossboykott

Von Florian Wüstholz

Facebook sieht sich gerade mit dem womöglich grössten Werbeboykott aller Zeiten konfrontiert. Über tausend Firmen haben verkündet, vorläufig keine Werbung mehr auf Facebook zu schalten, darunter multinationale Riesen wie Unilever, Adidas, Ford oder Starbucks. Sie alle haben sich unter dem Banner der Kampagne «Stop Hate for Profit» vereint, um gegen die mangelhafte Moderation von Hate Speech auf der Plattform zu protestieren. Doch Facebook-CEO Mark Zuckerberg lässt sich nicht beeindrucken. An einem Treffen mit AktivistInnen der Kampagne ging er gerade einmal auf eine einzige der zehn Forderungen ein.

Zuckerberg muss sich nicht fürchten. Bereits 2017 gab es einen Boykott gegen Google und Youtube. Doch der langfristige Effekt blieb aus – nicht zuletzt, weil sich der Einnahmeverlust auf gerade einmal 700 Millionen US-Dollar belief. Das kratzte Google kaum, immerhin verdiente der Digitalkonzern 2018 mit Werbeeinnahmen 120 Milliarden US-Dollar. Es zeigte sich: Ein Pochen auf Good Practices, Selbstregulierung und Empfehlungen bringt wenig. Denn meist verpflichten sich die Plattformen schon heute dazu, gegen Hate Speech und Fake News vorzugehen. Doch es mangelt an der Durchsetzung dieser selbstauferlegten Regeln – und so bleibt alles beim Alten.

Die Parallelen zum aktuellen Boykott sind klar: Auch Facebook erzielt rund 98 Prozent seines Jahresumsatzes von 70 Milliarden US-Dollar mit Werbung. Die hundert grössten Kunden sorgen aber lediglich für sechs Prozent des Umsatzes. Insgesamt schalten über sieben Millionen Firmen Werbung auf der Plattform. Hinzu kommt: Werbeboykotts und der vordergründige Einsatz für eine gerechtere Welt sind eine ausgezeichnete PR-Strategie für die Konzerne. In der derzeitigen Wirtschaftskrise haben sie ihre Werbebudgets ohnehin gekürzt. Es ist einfach, dies als Kampf für BürgerInnenrechte zu verkaufen, um in einem Monat wieder zum «business as usual» zurückzukehren.

All das weiss Zuckerberg. Er weiss, dass profitorientierte Firmen es sich nicht leisten können, längerfristig auf die gigantische Reichweite von Facebook zu verzichten. Darum bleibt er gelassen.

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